Zwischen Bürgerrechten und Vietnamkrieg: Martin Luther Kings folgenreiche Positionierung von 1967

1. Einleitung

Jeder kennt „I Have a Dream.“ Das Bild von Martin Luther King vor dem Lincoln Memorial, die Menschenmenge, der Traum von Gleichheit für jeden Menschen. Das ist der Martin Luther King, den wir in der Schule lernen, den Städte in Straßennamen ehren, den Unternehmen in ihren Gedenk-Posts zitieren. Der Mann, der versöhnt statt spaltet und an das Gute in Allen appelliert. Aber kaum jemand kennt die Rede, die King selbst für seine wichtigste hielt.

Am 4. April 1967 stand King in der Riverside Church in New York und griff etwas ganz anderes an: den Vietnamkrieg. Keine versöhnliche Vision mehr, sondern eine scharfe Abrechnung mit dem Krieg, mit den Prioritäten der USA und indirekt mit einem Präsidenten, der ihm gerade erst zu seinem größten politischen Erfolg verholfen hatte. Nur drei Jahre zuvor hatte King neben Lyndon B. Johnson gestanden, als dieser den Civil Rights Act unterschrieb. Nach außen wirkten King und Johnson wie ein eingespieltes Duo, das gemeinsam Geschichte schrieb. Jedoch beendete genau diese Rede die Partnerschaft abrupt. Die Reaktion folgte umgehend und fiel deutlich schärfer aus, als selbst Kings engstes Umfeld erwartet hatte: Johnson brach den Kontakt ab, die NAACP verurteilte die Rede und auch die Presse reagierte scharf.

Diese Reaktion wirft die grundlegende Frage auf: Warum ging ausgerechnet der Mann, der wenige Jahre zuvor maßgeblich zur Durchsetzung zweier zentraler bürgerrechtlicher Gesetze beigetragen hatte, dieses Risiko bewusst ein? Und warum hielt er an seiner Position fest, obwohl ihm sein engster Kreis nahezu geschlossen davon abgeraten hatte? Diesen Fragen geht der vorliegende Beitrag nach: Warum positionierte sich Martin Luther King Jr. 1967 gegen den Vietnamkrieg und welche Konsequenzen hatte das für die Bürgerrechtsbewegung? 

2. Historischer Kontext

Die enge Zusammenarbeit zwischen Martin Luther King Jr. und Präsident Lyndon B. Johnson lässt sich bis in die Anfangsjahre der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre zurückverfolgen. Ihren Ausgangspunkt nahm diese Kooperation beim March on Washington am 28. August 1963, an dem über 200.000 Demonstrierende teilnahmen, um für Arbeit und Freiheit zu protestieren. Während der ursprüngliche Schwerpunkt der Veranstaltung auf Fragen wirtschaftlicher Ungleichheit lag, erweiterte sich die Zielsetzung im Verlauf der Planung um Forderungen nach rechtlicher und gesellschaftlicher Gleichstellung der Schwarzen Bevölkerung.

Das zentrale Anliegen der Demonstrierenden bestand darin, die Regierung unter Präsident John F. Kennedy zur Einbringung eines umfassenden Bürgerrechtsgesetzentwurfs in den Kongress zu bewegen (King Institute Stanford, o.J.: „March on Washington for Jobs and Freedom“). Im Anschluss an den Marsch hielt King vor dem Lincoln Memorial seine 17-minütige Rede „I have a dream“. Bemerkenswert an Kings rhetorischer Strategie ist, dass er Bürgerrechte für Afroamerikaner*innen einforderte, ohne dabei antagonistische Positionen gegenüber der weißen Bevölkerung einzunehmen. Ein Ansatz, der ihm parteiübergreifende Anerkennung einbrachte (bpb.de, 2018).

Ein zentrales Element dieser Strategie bildete die Zusammenarbeit mit Präsident Johnson, dessen Reformprogramm der „Great Society“ wesentliche Fortschritte im Bereich der Bürgerrechte sowie der Armutsbekämpfung vorsah. Dieses Programm zielte auf einen Ausbau des amerikanischen Wohlfahrtsstaates durch Gesetzgebung zur Bürgerrechtsgleichstellung, Armutsbekämpfung sowie Bildungs- und Gesundheitsförderung, geriet jedoch zunehmend in Konflikt mit den steigenden finanziellen Anforderungen des Vietnamkriegs. Diese Spannung sollte sich in der Folge als wesentlicher Belastungsfaktor für die Zusammenarbeit zwischen King und Johnson erweisen (King Institute Stanford, o.J.: „Johnson, Lyndon Baines“).

Nach Kennedys Ermordung im Jahr 1963 setzten sich King und Johnson gemeinsam für die Verabschiedung des Bürgerrechtsgesetzes ein und knüpften damit an Kennedys Forderung nach einer freien Nation durch die vollständige Freiheit ihrer Bürger*innen an. King attestierte Johnson ein „erstaunliches Verständnis für die Tiefe und das Ausmaß des Problems der rassistischen Ungerechtigkeit“ (King Institute Stanford, o.J.: „Johnson, Lyndon Baines“, zit. n. King, 4. November 1964) und gewann in ihm einen politischen Verbündeten, mit dem er gemeinsam Strategien zur Durchsetzung von Gesetzesvorhaben im Kongress entwickelte. Bei der Unterzeichnung des Civil Rights Act im Juli 1964 war King gemeinsam mit weiteren Bürgerrechtsführer*innen anwesend. Als symbolische Geste des Vertrauens überreichte Johnson King einen der Stifte, mit denen das Gesetz unterzeichnet worden war (King Institute Stanford, o.J.: „Civil Rights Act of 1964“, vgl. auch Coffee or Die: 2022).

Als Höhepunkt der Zusammenarbeit kann der Voting Rights Act von 1965 gelten. King initiierte in diesem Jahr eine gezielte Kampagne in Selma, um politischen Druck für ein Wahlrechtsgesetz aufzubauen, das die bis dahin bestehenden Hürden bei der Wählerregistrierung für Schwarze Amerikaner*innen beseitigen sollte. Der gewaltsame Übergriff weißer Ordnungskräfte auf Demonstrierende am 7. März 1965, der später als „Bloody Sunday“ in die Geschichtsschreibung einging, erregte landesweite Aufmerksamkeit und erhöhte den politischen Druck auf den Kongress erheblich. Nur fünf Monate später, am 6. August 1965, unterzeichnete Johnson das Gesetz, erneut in Anwesenheit Kings, und bezeichnete es als „einen Triumph für die Freiheit, so groß wie jeder Sieg, der je auf einem Schlachtfeld errungen wurde.“ (King Institute Stanford, o.J.: „Voting Rights Act of 1965“, zit. n. Johnson, „Remarks in the Capitol Rotunda“).

Bereits in den Jahren vor der Riverside-Rede zeichneten sich indes erste Spannungen in dieser Zusammenarbeit ab. Hatte King Johnsons Wahl 1964 noch als „eine der Sternenstunden Amerikas“ bezeichnet (King Institute Stanford, o.J.: „Johnson, Lyndon Baines“, zit. n. King, 4. November 1964), so entwickelten sich hinsichtlich der Vietnampolitik zunehmend divergierende Positionen. King verhielt sich dabei zunächst bewusst zurückhaltend. Aus Rücksicht auf die politische Partnerschaft und das wechselseitige Vertrauen vermied er offene Kritik an Johnsons Kriegsführung. Zwar äußerte er Verständnis für Johnsons Lage, machte jedoch zugleich deutlich, dass Gewalt keine Lösung des Konflikts darstellen könne (King Institute Stanford, o.J.: „Johnson, Lyndon Baines“, zit. n. King, 2. März 1965).

Im selben Jahr kritisierte King, dass täglich beträchtliche finanzielle Mittel für die Truppenpräsenz in Vietnam aufgewendet würden, während die Rechte von Afroamerikaner*innen in Selma nicht hinreichend geschützt werden könnten. Ein Jahr später, 1966, verschärfte King seine Position und bezeichnete den Krieg in einer Predigt in der Ebenezer Baptist Church erstmals explizit als Verstoß gegen die Genfer Vereinbarungen von 1954. Verschärft wurde diese ohnehin angespannte Lage durch die zunehmende Überwachung Kings durch das FBI, das ihn im Klima des Kalten Krieges wiederholt in die Nähe kommunistischer Umtriebe rückte. Diese innenpolitische Instrumentalisierung antikommunistischer Ressentiments erhöhte das politische Risiko einer offenen Kriegskritik zusätzlich und erklärt mit, warum King sich so lange zurückhielt. Trotz dieses wachsenden Risikos verschärfte King seine Kritik im Frühjahr 1967 weiter.

In seiner weiteren Kritik charakterisierte er die Regierung der Vereinigten Staaten schließlich als „den größten Lieferanten von Gewalt in der heutigen Welt“ (King, „Beyond Vietnam“) Spätestens mit der Beyond-Vietnam-Rede führte diese Entwicklung dazu, dass Johnson Kings Positionierung als persönlichen Vertrauensbruch wahrnahm, obwohl er zuvor aktiv dessen Rat eingeholt und ihn als politischen Verbündeten betrachtet hatte (King Institute Stanford, o.J.: „Johnson, Lyndon Baines“).

Die Entwicklung zwischen King und Johnson zeigt damit bereits vor der Riverside-Rede einen grundlegenden Zielkonflikt. Einerseits hatte King erfahren, dass politische Zusammenarbeit mit einer Regierung konkrete Fortschritte ermöglichen konnte. Die Bürgerrechtsgesetze von 1964 und 1965 waren für ihn sichtbare Ergebnisse dieser Zusammenarbeit. Andererseits zeigte sich zunehmend, dass dieselbe Regierung gleichzeitig eine Außenpolitik verfolgte, die King mit seinen Grundsätzen nicht mehr vereinbaren konnte. Je stärker der Vietnamkrieg eskalierte, desto schwieriger wurde es für King, zwischen innenpolitischer Zusammenarbeit und außenpolitischer Kritik zu unterscheiden. 

3. Kings Positionierung

Kings Entscheidung, sich öffentlich gegen den Vietnamkrieg zu positionieren, lässt sich auf zwei Ebenen begründen: auf einer persönlich-moralischen und einer politisch-strukturellen.

3.1 Moralisch-religiöse Beweggründe

Kings Beweggründe hatten vor allem einen christlichen und religiösen Hintergrund. Sein Prinzip der Gewaltlosigkeit baute auf der Überzeugung auf, dass das Universum auf der Seite der Gerechtigkeit stehe und dass Gott sein Volk nicht leiden lasse (King Center, o.J.: „The King Philosophy – Nonviolence365“). King war sich seiner privilegierten Position bewusst und sah sich als „man of humanity“ dazu verpflichtet, für Menschen einzustehen, die leiden (Garrow, 1987: „Martin Luther King, Jr. and the Cross of Leadership“). Er verstand Gewaltlosigkeit als eine Lebensweise für mutige Menschen, keineswegs als Methode für Feiglinge. In diesem Zusammenhang sagte er: „Es wäre unmoralisch und ein Zeichen von Undankbarkeit, wenn ich mich nicht meiner moralischen Verantwortung stellen würde das zu tun, was ich in diesem Kampf tun kann.“ (King, zit. n. Garrow, 1987: „Martin Luther King, Jr. and the Cross of Leadership“, S.7).

Die Geschichte hatte ihm eine Aufgabe auferlegt, die darin bestand, stets mutig aufzutreten und keine Schwäche zu zeigen, da eine solche Schwäche sich auch auf andere übertragen würde. King stand zudem für Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit und Wahrheit ein und forderte die Bevölkerung auf, es ihm gleichzutun (Garrow, 1987: „Martin Luther King, Jr. and the Cross of Leadership“). Es war ihm ein zentrales Anliegen, für die Rechte der Schwarzen Bevölkerung einzustehen. Trotz absehbarer Kritik erkannte King die aus seiner Sicht unausweichliche Verknüpfung zwischen dem Vietnamkrieg und der Bürgerrechtsbewegung.

3.2 Politisch-strukturelle Beweggründe

Diese moralische Position stützte King zusätzlich auf eine soziökonomische Analyse der amerikanischen Gesellschaft. In den USA herrschte in den 1960ern ein ungleiches Verhältnis zwischen Schwarzer und weißer Bevölkerung von etwa 1:2 in praktisch allen Lebensbereichen, ob Arbeitslosigkeit, Kindersterblichkeit oder Einkommen. Auch im Bildungsbereich lag der Rückstand bei ein bis drei Schuljahren, geprägt von unterfinanzierten Schulen sowie einer College-Beteiligung von lediglich 1/20 im Vergleich zur weißen Bevölkerung. Dies setzte sich auf dem Arbeitsmarkt fort: 75% der berufstätigen Schwarzen Amerikaner*innen arbeiteten in gering qualifizierten Tätigkeiten (King Institute Stanford, o.J.: „Where Do We Go From Here?“). Auch bei der Kriegsbeteiligung selbst zeigte sich diese Ungleichheit: Zwar waren Schwarze Soldaten zahlenmäßig etwa proportional zu ihrem Bevölkerungsanteil im Militär vertreten, doch machten sie rund 22% der Gefallenen aus. Ein Anteil, der doppelt so hoch lag wie ihr Anteil an der Truppenstärke insgesamt (Kairos Center 2017). Ein Umstand, der aus Kings Sicht eine zwingende Verbindung zwischen Innenpolitik (Rassismus) und Außenpolitik (Vietnamkrieg) belegte.

Der Civil Rights Act hatte demnach zwar Rechtsgleicheit hergestellt, ohne jedoch die materielle Realität wesentlich zu verändern, erkennbar auch an der politischen Prioritätensetzung. Anstelle eines garantierten Grundeinkommens floss der überwiegende Teil der Ressourcen in die Finanzierung des Vietnamkriegs sowie des Mondlandeprogramms. King bezifferte die Kosten eines Grundeinkommens auf rund 20 Milliarden Dollar jährlich, gegenüber 35 Milliarden Dollar für den Vietnamkrieg und weiteren 20 Milliarden Dollar für das Mondlandeprogramm, ein Beleg dafür, dass es sich nicht um Ressourcenknappheit, sondern um eine politische Prioritätensetzung handelte (King Institute Stanford, o.J.: „Where Do We Go From Here?“).

3.3 Das Konzept der „Triple Evils“

Rassismus, Ausbeutung und Krieg bezeichnete King als miteinander verwoben. Diese Verknüpfung nannte er „triple evils“: Die drei miteinander verflochtenen Hauptprobleme der Gesellschaft, die einen Teufelskreis bildeten. Arbeitet man an der Beseitigung eines Übels, wirkt sich dies auf alle drei aus. Zu den Triple Evils zählte King Militarismus (Krieg, häusliche Gewalt, Imperialismus, Vergewaltigung, Terrorismus u.a.), Rassismus (Vorurteile, Apartheid, ethnische Konflikte, Antisemitismus u.a.) sowie Armut (Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Hunger u.a.). King betonte, dass es sich bei diesen Problemen um kein neues Phänomen handle. Neu sei jedoch, dass die Gesellschaft längst über die Mittel zu ihrer Beseitigung verfüge, ohne dass die Regierung diese nutze. Er beschrieb eine Nation, die zunehmend mehr Mittel für die militärische Verteidigung aufwende als für soziale Förderprogramme und sich damit ihrem „geistigen Tod“ nähere. Dazu sagte er: „ Kein Einzelner und keine Nation kann groß sein, wenn sie sich nicht um die Geringsten unter diesen kümmert“ (King Institute Stanford, o.J.: „Where Do We Go From Here?“, zit. n. King, 18. August 1967).

Diesem Argument legte King eine Kausalkette zugrunde: Ausgehend von der historischen Versklavung der Schwarzen Bevölkerung habe sich eine Verdinglichung von Menschen (im Original als „thingify“ bezeichnet) etabliert, die maßgeblich zur ökonomischen Ausbeutung beitrage. Diese Ausbeutung bedürfe wiederum ausländischer Investitionen, die ihrerseits militärischen Schutz notwendig machten (King Institute Stanford, o.J.: „Where Do We Go From Here?“).

An diesem Punkt setzten Kings persönliche Prinzipien an: Er nahm aktiv politischen Schaden bewusst in Kauf, weil er von der transformativen Kraft seines Handelns überzeugt war. Den Ursprung des Problems verortete er stets bei der Regierung selbst, er könne, so King, nie wieder seine Stimme gegen die Gewalt der Unterdrückten in den Ghettos erheben, ohne zuvor klar zum größten Urheber von Gewalt in der heutigen Welt gesprochen zu haben – seiner eignen Regierung (King, „Beyond Vietnam: A Time to Break Silence“, 4. April 1967, American Rhetoric). Kings eigene Synthese seiner Prinzipien brachte diese Haltung auf den Punkt: Macht ohne Liebe sei rücksichtlos und missbräuchlich, Liebe ohne Macht hingegen sentimental und wirkungslos (King Institute Stanford, o.J.: „Where Do We Go From Here?“).

Diese Formel lässt sich auch als Erklärung dafür lesen, warum King eine rein moralische Verurteilung des Krieges nicht für ausreichend hielt. Eine Position, die sich auf reine Gewissensäußerung beschränkte, ohne sie mit konkreten politischen Forderungen zu verbinden, wäre nach seiner eigenen Logik „sentimental und wirkungslos“ geblieben. Umgekehrt hätte ein rein machtpolitisches Kalkül, etwa das Schweigen zum Krieg, um die Beziehung zu Johnson nicht zu gefährden, genau jene Rücksichtslosigkeit reproduziert, die King an anderer Stelle kritisierte.

Diese Verbindung aus moralischer Verpflichtung und struktureller Analyse erklärt zugleich, warum sich Kings Position gerade 1967 öffentlich artikulierte und nicht schon früher, obwohl die zugrundeliegenden Überzeugungen bereits seit Jahren gereift waren. Zum einen hatte sich die faktische Datenlage in der Zwischenzeit verschärft: Die Kluft zwischen den Ausgaben für den Vietnamkrieg und den chronisch unterfinanzierten Armutsprogrammen der „Great Society“ wurde mit fortschreitender Kriegsdauer immer deutlicher sichtbar, was Kings strukturelles Argument empirisch untermauerte. Zum anderen ließ sich die wachsende Zahl gefallener Schwarzer Soldaten erst nach mehreren Kriegsjahren in vollem Ausmaß beziffern. Kings Entscheidung war damit weniger ein spontaner Bruch als vielmehr der Punkt, an dem sich empirische Entwicklung und moralische Überzeugung endgültig deckten und ein weiteres Schweigen für ihn selbst nicht mehr vertretbar erschien. Diese über Jahre gereifte Verbindung aus moralischer Überzeugung und struktureller Analyse fand ihren öffentlichen Ausdruck schließlich in der Riverside-Rede vom 4. April 1967. 

4. Beyond Vietnam

Was King bis dahin vor allem in Predigten und vereinzelten Äußerungen artikuliert hatte, verdichtete sich am 4. April 1967 zu einer seiner bis heute bekanntesten und umstrittensten Reden. In der Riverside Church kritisierte und verurteilte Martin Luther King den Vietnamkrieg in dieser Deutlichkeit erstmals öffentlich. Im Rahmen einer von der Organisation „Clergy and Laymen Concerned About Vietnam“ veranstalteten Zusammenkunft, wenige Tage vor dem geplanten Marsch vom Central Park zu den Vereinten Nationen, an dem King ebenfalls teilnehmen sollte (King Institute Stanford, o.J.: „Encyclopedia: Beyond Vietnam“).

Die Besonderheit der fast einstündigen Rede bestand darin, dass King sie entgegen seiner sonstigen Gewohnheit Wort für Wort von einem Manuskript ablas, das er zuvor gemeinsam mit seinem engen Vertrauten Vincent Harding verfasst hatte (King Institute Stanford, o.J.: „Encyclopedia: Beyond Vietnam“). Diese Abweichung von seiner gewohnten freien Redeweise lässt sich darauf zurückführen, dass King die Rede zur Veröffentlichung einreichen wollte und eine Fehlzitierung vermeiden musste. Auf die Frage nach dem Titel der Rede antwortete Harding: „Dies ist mehr als nur eine einfache Frage des Rückzugs aus Vietnam. Es geht darum, sich von einer bestimmten Denkweise zu lösen, von einer Art, wie wir über uns selbst und über die Welt denken“ (Knight, 2021, zit. n. Harding, im Interview mit Tavis Smiley).

King hatte seine Kritik am Vietnamkrieg bereits deutlich früher öffentlich artikuliert: Erstmals im März 1965 kritisierte er die Regierung für ihre Ausgaben zur Truppenunterstützung in Südvietnam, während die Rechte der Schwarzen Bevölkerung in Selma nicht gewährleistet würden (King Institute Stanford, o.J.: „Encyclopedia: Beyond Vietnam“). Bis 1967 mäßigte King diese Kritik jedoch, was sich maßgeblich auf die Furcht zurückzuführen lässt, öffentlich als Kommunist gebrandmarkt zu werden (King Institute Stanford, o.J.: „Vietnam War“). Eine Zuschreibung, die im Klima des Kalten Krieges die Wirksamkeit seiner Bürgerrechtsarbeit erheblich hätte beeinträchtigen können. Diese frühere, zurückhaltendere Kritik verschärfte er in der Riverside-Rede deutlich.

King eröffnete seine Rede mit dem berühmten Satz „Eine Zeit kommt, in der Schweigen Verrat ist.“ und forderte sein Publikum auf, weiterzumachen, selbst wenn es von Unsicherheit „hypnotisiert“ sei. Er sprach von einem neuen Geist, der sich erheben und einen neuen Weg aus der Dunkelheit von Krieg, Angst und Leiden weisen könne. King bezeichnete die Vereinigten Staaten als den größten Gewaltverursacher der Gegenwart, der die notwendigen Mittel nicht in Armutsbekämpfung und die Verbesserung der Lebensbedingungen investiere. Zudem benannte er die Doppelmoral seiner Regierung, die junge Schwarze Männer in den Krieg nach Vietnam schicke, um dort für Rechte und Freiheit zu kämpfen, die ihnen im eignen Land verweigert würden.

Kings Grundthese lautete, dass der Krieg nur Symptom eines tieferen gesellschaftlichen Problems im „amerikanischen Geist“ sei und es an der Zeit sei, die „Seele Amerikas“ zu retten. Es bedürfe einer radikalen Werterevolution, eines Übergangs von einer dingorientierten Gesellschaft zu einer menschenorientierten Gesellschaft. King appellierte an die Bürger*innen, die politischen Maßnahmen im Vietnamkrieg auf Basis moralischer Überzeugung in Frage zu stellen und anstelle eines „negativen Antikommunismus“ einen „positiven Einsatz“ für Demokratie zu leisten. Ebenso betonte er die Notwendigkeit bedingungsloser Liebe gegenüber allen Menschen sowie die Bereitschaft, auch gegen den eigenen Willen eine Entscheidung im Sinne der Menschheitsgeschichte zu treffen (King, „Beyond Vietnam: A Time to Break Silence“, 4. April 1967, American Rhetoric).

King rief dazu auf, für die Schwachen, Stimmlosen und Opfer einzutreten, und bezeichnete den Krieg als „Feind der Armen“, der Hoffnungen und Leben zerstöre. Amerika werde, so King, niemals frei sein oder sich von seiner Geschichte lösen können, solange die Nachkommen ehemaliger Sklaven nicht vollständig befreit seien, denn solange sich an der amerikanischen Kriegsführung und Moral nichts ändere, könne die Nation nicht gerettet werden (King, „Beyond Vietnam: A Time to Break Silence“, 4. April 1967, American Rhetoric).

King thematisierte zudem die aus seiner Sicht fehlende Anerkennung Vietnams durch die USA und warf der amerikanischen Regierung eine faktische Kolonialisierung vor. Obwohl die vietnamesische Unabhängigkeitserklärung explizit auf die amerikanische Bezug nehme, habe die US-Regierung diese Unabhängigkeit verweigert und Frankreich bei der Rückeroberung seiner ehemaligen Kolonie unterstützt, da sie das vietnamesische Volk als „noch nicht bereit“ für die Selbstständigkeit erachtet habe. Auch nach der französischen Niederlage habe die USA verhindert, dass Ho Chi Minh die vorübergehend geteilte Nation vereinen konnte. Damit hätten die USA nicht nur Familien, Dörfer und Land zerstört, sondern auch das Vertrauen der Bevölkerung.

King kritisierte die Haltung der Regierung, die sich auf die Seite der Wohlhabenden und Abgesicherten stelle und den Krieg auf dem Rücken der Armen austrage. Ferner übte er direkte aber nicht namentliche Kritik an seiner Regierung, die den Krieg als Mittel zur Generierung enormer Gewinne aus Auslandsinvestitionen nutze. Damit griff King in der Rede erstmals öffentlich vor großem Publikum die bereits skizzierte Verflechtung von Militarismus und ökonomischer Ausbeutung auf, die er im Konzept der „triple evils“ zusammenfasste. Gleichzeitig warnte er, dass die Ressourcen, die in den Krieg flossen, direkt zulasten von Johnsons „Great Society“-Programmen gingen, jene sozialen Reformen, an deren Umsetzung King selbst zuvor eng mit der Regierung zusammengearbeitet hatte, gerieten damit zunehmend in Gefahr (King, „Beyond Vietnam: A Time to Break Silence“, 4. April 1967, American Rhetoric).

King zeigte sich der zu erwartenden Kritik bewusst und adressierte diese explizit innerhalb der Rede, in der er sich bewusst über die Warnungen seiner Berater hinwegsetzte. Diese Warnungen bezogen sich, wie zuvor dargelegt, auf die enge politische Partnerschaft mit Präsident Johnson, die King mit seiner Positionierung wissentlich aufs Spiel setzte. Er verwies dabei auch auf einzelne Personen, die sich bereits zuvor kritisch zum Krieg geäußert hatten und auf die daraus resultierenden Folgen für deren Ansehen.

Zudem ging King auf die Bedenken innerhalb der Bevölkerung ein: Häufig sei ihm die Frage gestellt worden, warum er sich zum Krieg äußerte, sich den Stimmen des Widerspruchs anschließe oder ob seine Äußerungen nicht seinem eigenen Volk schadeten. Diese Fragen beantwortete er mit dem Hinweis auf seine Berufung sowie darauf, dass die Fragenden weder seinen Auftrag noch die Welt, in der sie lebten, wirklich verstünden.

King bezog sich dabei auch auf seine Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis, die er als Verpflichtung verstand, sich verstärkt für eine über nationale Zugehörigkeiten hinausgehende „Bruderschaft der Menschen“ einzusetzen. Ergänzend verwies er auf seinen christlichen Glauben und seinen Dienst gegenüber Jesus Christus und fragte die Bevölkerung, ob sie vergessen habe, dass sein Wirken demjenigen verpflichtet sei, der seine Feinde so sehr geliebt habe, dass er für sie gestorben sei (King, „Beyond Vietnam: A Time to Break Silence“, 4. April 1967, American Rhetoric).

King formulierte abschließend die Aufgabe an die amerikanische Bevölkerung, den Krieg durch eigene Initiativen zu beenden und einen neuen Kurs in der amerikanischen Kriegsführung einzuschlagen. Über die Forderung nach Asyl für vietnamesische Bürger*innen und medizinischer Hilfe hinaus formulierte King einen konkreten Fünf-Punkte-Plan zur Kriegsbeendigung:

  1. Sofortige Beendigung aller Bombardierungen in Nord- und Südvietnam.
  2. Einseitige Einstellung aller Kampfhandlungen zur Schaffung einer Verhandlungsatmosphäre.
  3. Einschränkung des militärischen Aufmarsches in Thailand sowie Beendigung der Einmischung in Laos, um neue Schlachtfelder in Südostasien zu verhindern.
  4. Anerkennung der erheblichen Unterstützung der Nationalen Befreiungsfront in Südvietnam und ihrer notwendigen Rolle in Verhandlungen sowie einer künftigen Regierung.
  5. Festlegung eines Zeitpunkts für den Abzug aller fremden Truppen gemäß dem Genfer Abkommen von 1954. 

King beschloss seine Rede mit einem Aufruf zur Gewaltfreiheit als Lösungsweg: Molotowcocktails und Gewehre lösten keine Probleme, sondern allein Mitgefühl und die Überzeugung, dass sozialer Wandel am wirksamsten durch gewaltfreie Aktionen erreicht werden könne. Damit bekräftigte King am Ende seiner Rede erneut die Grundüberzeugung, die sein gesamtes politisches Wirken seit den Anfängen der Bürgerrechtsbewegung getragen hatte: Gewaltfreiheit als einzig legitimer Weg gesellschaftlicher Veränderung.

Mit diesem Appell schloss er nicht in Resignation, sondern mit einem eindringlichen Aufruf an sein Publikum, den Weg der Gewaltlosigkeit trotz aller Widerstände weiterzugehen. So endete eine Rede, die King selbst als moralische Notwendigkeit verstand, deren politische Tragweite sich jedoch erst in den folgenden Wochen und Monaten zeigen sollte (King, „Beyond Vietnam: A Time to Break Silence“, 4. April 1967, American Rhetoric). 

5. Konsequenzen für die Bürgerrechtsbewegung

Wie King selbst geahnt hatte, blieb eine Reaktion auf seine Rede nicht aus. Die Warnungen seiner Berater, denen er sich bewusst widersetzt hatte, sollten sich in den folgenden Tagen in einem Ausmaß bewahrheiten, das selbst seine engsten Vertrauten kaum vorhergesehen hatten.

King selbst begründete seine Position dabei nicht allein mit der grundsätzlichen Sinnlosigkeit des Krieges oder den falschen Gründen, aus denen er geführt wurde, sondern sah ihn als konkretes Hindernis für den sozialen Fortschritt im eignen Land, ein Hindernis, das Schwarze Amerikaner*innen daran hindere, ihren rechtmäßigen Platz im amerikanischen Leben einzunehmen. Der Historiker Clayborne Carson, Jr. vom Research and Education Institute an der Stanford University betont in diesem Zusammenhang, dass es King nicht primär um den Krieg als solchen gegangen sei, sondern um das, was die enormen Kriegsausgaben über die politischen Prioritäten der Nation aussagten (zit. nach Myrow, R., 2020).

Bereits drei Tage nach der Rede, am 7. April 1967, reagierte die New York Times mit dem Editorial „Dr. King‘s Error“. Darin kritisierten sie King scharf für die Vermischung zweier ihrer Ansicht nach voneinander unabhängiger öffentlicher Probleme und sprach von einer „tiefen Verwirrung“ der beiden Themen. Zwar erkannte die Times King grundsätzlich das individuelle moralische Recht zu, sich zum Vietnamkrieg zu äußern, betonte jedoch zugleich seine „gewichtigere Verpflichtung“ als Bürgerrechtsführer, die Bewegung konstruktiv zu lenken, statt sie durch ein zusätzliches, kontroverses Thema zu belasten.

Auch bewertete sie Kings moralische Gleichsetzung von Kriegsende und gesellschaftlichem Fortschritt als zu vereinfacht, da sie die komplexen außenpolitischen Zusammenhänge des Krieges außer Acht lasse. Ergänzend verwies die Times auf den „War on Poverty“: Armutsbekämpfung sei nicht einfach an ein Kriegsende gekoppelt, sondern stelle eine komplexe Generationsaufgabe dar, die mit mehreren Faktoren (lokale politische Maßnahmen, konservativer Widerstand im Kongress, verfestigte Verhältnisse in den Slums) zusammenhänge. Selbst ein Kriegsende garantiere keinen automatischen Anstieg der Sozialausgaben.

Besonders scharf kritisierte die Zeitung zudem Kings Vergleich der amerikanischen Kriegsmethoden mit nationalsozialistischen Medizinversuchen in Konzentrationslagern und bezeichnete ihn als Verleumdung. King, so die Times, solle sich als Bürgerrechtsführer auf die „fortgeschrittenere, schwierigere Phase“ der Bewegung (Arbeitsplätze, Wohnverhältnisse, Bildung) konzentrieren. Der Fokus auf Vietnam sei lediglich eine „verschwenderische und selbstschädigende“ Ablenkung (New York Times, 7. April 1967).

Nicht nur die New York Times äußerte Kritik: Insgesamt verurteilten 168 weitere Zeitungen King in den folgenden Tagen in Leitartikeln, teils in ungewöhnlich scharfem Ton (Knight, 2021). Die Washington Post etwa schrieb in ihrem Leitartikel vom 6. April 1967: „Viele, die ihm mit Respekt zugehört haben, werden ihm nie wieder dasselbe Vertrauen entgegenbringen. Er hat seine Nützlichkeit für die Sache für sein Land und für sein Volk geschmälert“ („A Tragedy“, Washington Post, 6. April 1967, zit. n. Kairos Center 2017).

Auch die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) griff King direkt an: Ihr sechzigköpfiger Vorstand stimmte einstimmig für eine Resolution, die die Rede als „schwerwiegenden taktischen Fehler“ bezeichnete und kritisierte, die Bürgerrechtsbewegung mische sich damit „in den Krieg ein“ (Myrow, R., 2020). Bezeichnend ist dabei, dass die NAACP die Rede explizit als taktisch, nicht inhaltlich falsch einstufte. Die Kritik richtete sich also weniger gegen Kings moralische Position an sich als gegen deren öffentliche Verknüpfung mit der Bürgerrechtsarbeit. Kritik kam zudem von konservativer Seite: Senator Barry Goldwater, republikanischer Präsidentschaftskandidat von 1964, bezeichnete die Rede als etwas, das „ein wenig an Verrat grenzen“ könnte (zit. nach Knight, 2021).

Die persönliche Belastung durch diese geballte Kritik war erheblich. Kings Vertrauter Harry Belafonte erinnerte sich später an dessen Verzweiflung, als New York Times und Washington Post seine Riverside-Rede nahezu umgehend verurteilten (Hampton/Fayer/Flynn 1991, S. 345-346, zit. n. Kairos Center 2017).

Dennoch lehnten viele Aktivist*innen der Bürgerrechtsbewegung den Krieg in Vietnam selbst ebenfalls ab. Afroamerikanische Aktivist*innen hatten insbesondere die Vereinten Nationen schon lange genutzt, um Rassismus im eignen Land mit Gewalt auf der ganzen Welt in Verbindung zu bringen (mcny.org, 2018: „From Harlem to Hanoi: Dr. King and the Vietnam War“). Innerhalb seines engsten Umfelds jedoch hatte man King im Vorfeld fast geschlossen von der Rede abgeraten, mit dem Hauptargument, Johnson sei „der beste Präsident für die Schwarze Bevölkerung“ gewesen und der Frage, warum King ausgerechnet seinen wichtigsten Verbündeten provozieren wolle (npr.org, 2010). Nach der Riverside-Rede lud Johnson King schließlich aus dem Weißen Haus aus und zerstörte damit die Arbeitsbeziehung endgültig.

Neben dieser öffentlichen und politischen Isolation sah sich King zunehmend auch verdeckter staatlicher Überwachung ausgesetzt. Über die bekannte FBI-Beobachtung hinaus wurde King, besonders in seinem letzten Lebensjahr und während der Vorbereitung der Poor People’s Campaign, auch durch den militärischen Nachrichtendienst überwacht. Nachdem King bereits am 25. Februar 1967 eine frühe Antikriegsrede gehalten hatte, stufte der Assistant Chief of Staff for Intelligence der US-Armee diese als Aufruf zu „bewaffneter Aggression“ ein. Noch am selben Tag wurden zwei verdeckte Agenten mit der Infiltration der Southern Christian Leadership Conference (SCLC) beauftragt (Pepper 1995, S.465, zit. n. Kairos Center 2017). Ein Vorgang, der zeigt, dass staatliches Misstrauen gegenüber King bereits vor der eigentlichen Riverside-Rede bestand und sich durch diese lediglich verstärkte.

Dies zeigt, dass die politische und mediale Isolation Kings praktisch parallel verliefen. Ende 1967 wies King seinerseits die Kritik an Gewalt und Extremismus innerhalb der Bürgerrechtsbewegung zurück. Er bezeichnete die Ausschreitungen städtischer Unruhestifter als ungleich weniger gefährlich und unmoralisch als den „kalten, industrialisierten Mord“ des amerikanischen Militärs und fragte: „Wenn Sachbeschädigung bei Unruhen beklagt werde, welchen Sinn habe dann der Einsatz von Napalm gegen Menschen?“ (Taibbi 2018).

Auch kritisierte King die New York Times und die Washington Post direkt. Beide waren ihm zuvor wichtige Partner im Kampf für Bürgerrechte gewesen, doch ihre Kritik sei derart verzerrt gewesen, dass er die frühere verantwortungsvolle Plattform für offene Debatte und objektive Untersuchung als ernsthaft beschädigt ansah (Hampton/Fayer/Flynn 1991, S.345-346, zit. n. Kairos Center 2017). Konsequent setzte King seinen eingeschlagenen Kurs fort: Am 4. Dezember 1967 kündigte er die Poor People’s Campaign explizit als Schritt von einer Bürgerrechtsbewegung hin zu einer „Menschenrechtsbewegung“ an (Kairos Center 2017). Damit machte er deutlich, dass es ihm nicht um die isolierte Bekämpfung eines einzelnen Übels ging, sondern um einen gleichzeitigen Angriff auf alle drei von ihm benannten „triple evils“.

Bemerkenswert ist zudem der zeitliche Kontext der Riverside-Rede: Sie erfolgte bereits im April 1967, also noch vor der Tet-Offensive (Januar 1968) und dem My-Lai-Massaker (März 1968), jene Ereignisse, die die öffentliche Meinung in den USA mehrheitlich gegen den Krieg wendeten (Myrow 2020). King positionierte sich damit deutlich vor diesem allgemeinen Meinungsumschwung, was seine Position zum Zeitpunkt der Rede besonders isoliert und riskant machte.

Bemerkenswert bleibt, dass sich Kings schärfste Kritiker gerade aus den unerwartetsten Kreisen rekrutierten, nicht aus dem gegnerischen Lager, sondern aus den Reihen ehemaliger Verbündeter wie der NAACP und liberaler Leitmedien. Ein wichtiger Gegenpol zu dieser zeitgenössischen Kritik findet sich jedoch in der späteren Einschätzung John Lewis‘, dem Bürgerrechtsaktivisten und späteren US-Abgeordneten, der bei der Rede selbst anwesend war. Gegenüber dem New Yorker bezeichnete er sie 2017 als „eine Rede für die gesamte Menschheit“ und äußerte, sie sei vermutlich Kings beste Rede gewesen (zit. nach Knight, 2021).

Interessant ist zudem, wie unterschiedlich die zeitgenössische und die spätere öffentliche Wahrnehmung der Rede ausfielen. Sowohl die Washington Post als auch die New York Times würdigten King in späteren Jahren in emotionalen Nachrufen und Gedenkartikeln, ohne dabei zu erwähnen, dass sie ihn zu Lebzeiten scharf kritisiert hatten (Taibbi 2018). Diese nachträglich geglättete Version Kings, an die sich der US-amerikanische Mainstream bis heute vorwiegend erinnert, zeichnet das Bild eines gemäßigten Führers, der sich innerhalb gesellschaftlich akzeptierter Grenzen bewegt habe. Tatsächlich jedoch hatte King zu Lebzeiten eine radikale Veränderung der amerikanischen Lebensweise gefordert, ein Umstand, den die Riverside-Rede in besonderer Deutlichkeit zeigt. Nicht zuletzt aus diesem Grund wird die Rede in der historischen Rückschau heute explizit als „Wendepunkt in der öffentlichen Meinung über den Vietnamkrieg“ bezeichnet (Knight, 2021). 

6. Schluss

King positionierte sich 1967 trotz des Abratens seiner engsten Berater gegen den Vietnamkrieg, weil er Rassismus, Armut und Militarismus nicht als drei getrennte Probleme, sondern als ein einziges, kausal verknüpftes System begriff. Diese analytische Grundüberzeugung, festgehalten im Konzept der „triple evils“, machte für King ein politisches Schweigen zum Krieg langfristig unmöglich. Wer die Bürgerrechtsbewegung ernst meinte, konnte die Kriegsausgaben nicht ausblenden, die genau jene Sozialprogramme aushöhlten, für die er zuvor mit Johnson zusammengearbeitet hatte.

Der Preis dieser Entscheidung war hoch und traf King in mehreren Dimensionen gleichzeitig: politisch durch den Bruch mit Johnson, medial durch die geschlossene Ablehnung fast der gesamten etablierten Presse, organisatorisch durch die Distanzierung selbst langjähriger Verbündeter wie der NAACP und persönlich durch eine verschärfte staatliche Überwachung. Bezeichnend ist dabei, dass diese Kritik überwiegend nicht King selbst widersprach, sondern seiner Strategie, etwa als die NAACP die Rede explizit als „taktischen Fehler“ verurteilte und nicht als inhaltlich falsch. Genau diese Unterscheidung offenbart die eigentliche Substanz von Kings Positionierung. Er nahm eine Entscheidung, die aus Sicht seiner Zeitgenoss*innen taktisch unklug war, bewusst in Kauf, weil sie aus seiner eignen analytischen Logik heraus zwingend war.

Dass King auf diese Isolation nicht mit Rückzug, sondern mit der Ankündigung der Poor People’s Campaign reagierte, bestätigt diesen Befund. Statt sich auf ein einzelnes Übel zurückzuziehen, um politischen Schaden zu begrenzen, weitete er sein Engagement explizit auf alle drei „triple evils“ gleichzeitig aus. Die Konsequenzen der Riverside-Rede lassen sich damit nicht auf einen kurzfristigen Ansehensverlust reduzieren, sondern markieren den Übergang zu einer radikaleren, strukturell argumentierenden Phase seines politischen Wirkens.

Bemerkenswert ist schließlich die Diskrepanz zwischen der zeitgenössischen und der heutigen Bewertung dieser Rede. Wurde sie 1967 selbst von langjährigen Verbündeten als Belastung für die Bürgerrechtsbewegung eingestuft, gilt sie in der historischen Rückschau heute als Wendepunkt der öffentlichen Meinung zum Vietnamkrieg. Diese nachträgliche Aufwertung steht in auffälligem Kontrast zu einem öffentlichen Bild, das ihn vor allem als moderaten, gesellschaftlich konsensfähigen Führer erinnert, ein Bild, das die strukturelle Radikalität seiner „triple evils“-Analyse eher verdeckt als sichtbar macht.

Zusammenfassend lässt sich damit festhalten, dass Kings Positionierung gegen den Vietnamkrieg nicht als isolierte außenpolitische Stellungnahme verstanden werden kann. Sie entstand vielmehr aus der Verbindung seiner religiösen Überzeugungen, seiner Erfahrungen innerhalb der Bürgerrechtsbewegung und seiner zunehmenden Analyse der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten.

Die vorliegende Arbeit hat gezeigt, dass Kings Entscheidung von 1967 kein spontaner rhetorischer Bruch war, sondern die konsequente öffentliche Artikulation einer Überzeugung, die sich über Jahre entwickelt hatte und deren politischer Preis für King selbst offenbar geringer wog als die Kosten des Schweigens.

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