Martin Luther King als Vorbild für gewaltlosen Widerstand im schulischen Kontext der Sekundarstufe I
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Martin Luther King
- 1.1 Kurze Geschichte der amerikanischen Sklaverei
- 1.2 Kurze Geschichte der Bürgerrechtsbewegungen
- 1.3 Zur Person Martin Luther King
- 1.4 Die Ideologie Martin Luther Kings
2. Vorbilder
- 2.1 Zum Begriff ‚Vorbild‘
- 2.2 Vorbilder im gesellschaftlichen Wandel
3. Gewaltloser Widerstand
4. Zwischenfazit
- 4.1 Martin Luther Kings Bewegung als Beispiel für gewaltlosen Widerstand
- 4.2 Martin Luther King als Vorbild für gewaltlosen Widerstand
5. Martin Luther King als Vorbild im schulischen Kontext
6. Fazit
Einleitung
Am 20. Mai 2020 verstirbt der schwarze US-Amerikaner George Floyd in Folge eines Polizeieinsatzes in Minneapolis. Ein Handyvideo zeigt die Festnahme des Mannes, bei der ein Polizist minutenlang auf dem Genick des Angeklagten kniet. Das Video wird millionenfach geklickt. Neben der Frage der Professionalität des Polizisten wird vor allem der Verdacht des Rassismus laut. Denn wie so oft ist es ein weißer Polizist, der für den Tod eines schwarzen Mitbürgers verantwortlich ist. Und auch in diesem Fall scheinen die Maßnahmen, insbesondere die Härte bei der Festnahme, unangemessen zu sein.
Die Proteste erfassen anschließend große Teile des Landes und die Bewegung ‚Black Lives Matter‘ wird gegründet. In der Folge kommt es zu Straßenkämpfen und immer wieder zur Frage, wie weit Protest gehen darf. Während linke Kreise oftmals mit der Bewegung sympathisieren und sie als legitime Widerstandsbewegung betrachten, glauben konservative Kreise, einen hasserfüllten Mob mit Absichten zum Systemsturz zu erkennen.
Dabei ist der Kampf der schwarzen Bevölkerung
gegen ein ungerechtes System alles andere als neu. Bereits in den 1950er Jahren
gründeten sich Bewegungen, die eben dieses Ziel verfolgten. Gallionsfigur des damaligen Widerstandes war der Pfarrer Martin Luther King. King erzielte große Erfolge,
nicht zuletzt in der Durchsetzung von Gesetzesänderungen, die die damals
vorherrschende Ungleichbehandlung beenden sollten. Seine Strategie war
es dabei, ausschließlich auf friedlichen Protest zu setzen, um damit die
moralische Überlegenheit zu behalten. Die Ereignisse um 2020 holten also die
Frage, wie weit Widerstand gehen darf und wie er aussehen soll, zurück in die
Gegenwart.
Hieran anknüpfend soll untersucht werden, wie gewaltloser Widerstand zu definieren ist und inwiefern Martin Luther King und seine Bewegung in diesem Muster wiederzuerkennen sind. Den Ausgangspunkt bildet die Frage, inwiefern es sich bei Martin Luther King um ein Vorbild für eben diesen Widerstand handelt. Hierfür muss die Definition und Bedeutung eines Vorbildes ebenfalls untersucht werden. Aktualitätsbezug stellt abschließend die Frage her, inwiefern Martin Luther King in einer möglichen Vorbildfunktion in schulischen Kontexten zum Einsatz kommen könnte.
1. Martin Luther King
Um erklären zu können, wie aus dem Pastor Martin Luther King
ein weltweit angesehener Bürgerrechtler werden konnte, ist es zwingend
notwendig, sich mit dem Ursprung des amerikanischen Sklavenhandels sowie der
Geschichte der Bürgerrechtsbewegungen auseinanderzusetzen. Vor diesem
Hintergrund soll ebenfalls der Wertekanon beleuchtet werden, der dem Kampf
Martin Luther Kings zugrunde liegt.
1.1 Kurze Geschichte der amerikanischen Sklaverei
Der wohl erste dokumentierte Sklavenhandel auf amerikanischem Boden fand im Jahre 1619 statt. Dabei tauschte ein Schiff aus den Niederlanden Sklaven gegen Proviant für die Weiterfahrt ein (vgl. Dietrich 2008. S. 19). Die zunehmende Kolonialisierung Afrikas führte über die Jahre zu dem, was Historiker heute als den atlantischen Sklavenhandel bezeichnen. So wurden die Menschen aus den afrikanischen Kolonien entführt und unter unmenschlichen Bedingungen über den Atlantik transportiert. Auf dem amerikanischen Kontinent wurden Sklaven vor allem zur Arbeit auf Plantagen eingesetzt (vgl. ebd.). Dies ging so weit, dass im Bundesstaat Georgia im Süden der USA im Jahr 1750 rund ein Viertel der Bevölkerung aus schwarzen Sklaven bestand.
Insbesondere in den südlichen Staaten wurden Sklaven zu einem
entscheidenden Wirtschaftsfaktor, da sie den Anbau von Tabak und später
Baumwolle auf den Plantagen enorm profitabel machten (Vgl. ebd. S. 21). Die
Sklaven selbst wurden nicht als Menschen, sondern als Ware wahrgenommen. Ihre weißen
Besitzer konnten frei über sie verfügen und hatten sich dabei an keinerlei
geltendes (Menschen-)Recht zu halten. Die Sklaven arbeiteten tagsüber auf den
Plantagen und schliefen in Baracken. Sie erhielten weder Lohn noch sonstige
Vergütungen. Da sich viele Sklaven buchstäblich zu Tode schufteten, blieb
Widerstand nicht aus. Die Revolten blieben jedoch aufgrund von mangelnder
Organisation und den ungleichen Kräfteverhältnissen stets erfolglos (Vgl. ebd.
S. 22).
Während die nördlichen Bundesstaaten, allen voran Vermont, zunehmend kritisch gegenüber der Sklaverei wurden, blieben die Verhältnisse im Süden auch anfangs des 19. Jahrhunderts unverändert (Vgl. ebd.). Dies lag nicht zuletzt daran, dass die nördlicheren Bundesstaaten wesentlich weniger abhängig von der Sklaverei waren als die Plantagenbetreiber im Süden. In der Folge hatten „zahlreiche nördliche Bundesstaaten […] die Sklaverei gesetzlich abgeschafft oder sie war im Verschwinden begriffen“ (Ebd. S. 21).
Die Spannungen, die mitunter auch der Frage des Umgangs mit der Sklaverei entstammten, mündeten in einem Bürgerkrieg der Nordstaaten gegen eine Konföderationsarmee der Südstaaten. Nach dem Sieg der Nordstaaten wird der Verfassung im Jahr 1865 das sogenannte ‚13. Amendment‘ hinzugefügt und die Sklaverei damit in den ganzen USA gesetzlich abgeschafft (Vgl. Dietrich S. 21). Doch die gesetzliche Abschaffung allein konnte nicht die gesellschaftlichen Strukturen und Denkmuster verändern, in denen Schwarze jahrelang als minderwertige Menschen und Arbeitsmaterial betrachtet wurden.
In der Folge versuchten die Südstaaten, sich über die Verfassung hinwegzusetzen, und es kam zur Schaffung der sogenannten ‚Jim Crow‘-Gesetze. Bei Jim Crow handelt es sich um die schwarze Figur eines Komikers. Diese bediente rassistische Stereotype und stellte schwarze als dümmliche, untergeordnete Wesen dar (Vgl. ebd. S. 23). Die Gesetzgebung führte von da an die Segregation, also die institutionelle Trennung von Schwarzen und Weißen ein (Vgl. ebd.). Diese strenge Trennung vollzog sich in großen Teilen des öffentlichen Lebens. So mussten schwarze Bürger getrennte Toiletten, Schulen und Plätze im Bus in Anspruch nehmen.
Doch die Ausgrenzung ging weit über Gesetzgebung hinaus. So gab es eine Form der „unsichtbaren Segregation“ (Ebd. S. 31), die durch die Gesellschaft selbst, losgelöst von Gesetzen, durchgesetzt wurde. Tobias Dietrich beschreibt dies in seinem Werk zu Martin Luther King wie folgt: „die allgegenwärtige und immer wiederkehrende Bereitschaft der Weißen, in Bus und Bahn, an Wasserhähnen, in Warteschlangen die Schwarzen verbal zu erniedrigen und aktiv auszugrenzen, sorgte besonders für eine permanente Unterdrückung der Afroamerikaner“ (Ebd.).
Durch
die Abschaffung der Sklaverei hat sich die Situation der afroamerikanischen
Bevölkerung also mit Sicherheit verbessert, doch von einer menschenwürdigen
Behandlung oder gar von Gleichberechtigung waren die Verhältnisse meilenweit
entfernt. Die Reaktion der schwarzen Bevölkerung auf die ständige Ausgrenzung
reichte von „Resignation“ (Ebd. S. 32) bis hin zu „Assimilationsversuchen“
(Ebd.). Echter Widerstand regte sich nur in kleinen Teilen der Bevölkerung.
1.2 Kurze Geschichte der Bürgerrechtsbewegungen
Die erste größere Organisation, die sich gegen die
Ausgrenzung stellte, war die NAACP. Die Abkürzung steht für National
Association for the Advancement of Colored People. Erklärtes Ziel war es „auf
dem Rechtswege eine Verbesserung der afroamerikanischen Lage“ (Ebd. S. 34) zu
erreichen. Langfristig musste dementsprechend die Segregation abgeschafft
werden. Insbesondere in der Anfangszeit handelte es sich beim NAACP jedoch
mitnichten um eine gut strukturierte Organisation, sondern eher um einen losen
Verband, der kleinere Organisationen unter dem Dach eines gemeinsamen Ziels verband.
So gab es sowohl in den Nord- als auch in den Südstaaten Gruppierungen, die
sich der NAACP zuordneten, allerdings autonom operierten (Vgl. ebd. S. 38).
Zentral für die Beschäftigung mit Widerstandsbewegungen ist der Fall Rosa Parks. 1955 wird die Afroamerikanerin in Montgomery im US-Bundesstaat Alabama verhaftet, weil sie sich über die segregierte Sitzplatzordnung hinwegsetzt (Vgl. Dietrich S. 35). Schwarzen Personen war es zu diesem Zeitpunkt nur erlaubt, sich im hinteren Teil der Busse niederzulassen, und sie hatten aufzustehen, wenn weiße Personen einen Sitzplatz in Anspruch nehmen wollten.
Die Verhaftung löste Bestürzung aus und es regte sich Widerstand. In
der Folge boykottieren große Teile der afroamerikanischen Bevölkerung in
Montgomery und Umgebung die Busse und übten damit über einen längeren Zeitraum
Druck aus, der nicht mehr ignoriert werden konnte. Dieser Protest hatte zur Folge,
dass zumindest innerhalb der Region die Segregation in Bussen aufgehoben wurde (Vgl. ebd.). Es ist der erste große Erfolg der schwarzen Bürgerrechtsbewegung.
Organisiert und koordiniert hatte den Boykott ein afroamerikanischer Pfarrer der
Baptistenkirche. Sein Name: Martin Luther King.
1.3 Zur Person Martin Luther King
Martin Luther King kam am 15. Januar 1929 in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia zur Welt. Zu diesem Zeitpunkt hörte er jedoch, genau wie sein Vater, auf den Namen Michael King. Dieser war ebenfalls Baptistenpfarrer und nach einer Reise nach Deutschland so von Martin Luther beeindruckt, dass er den zu diesem Zeitpunkt fünfjährigen Michael King kurzerhand umbenannte (Vgl. Prinz 2018. S. 15).
Bereits in früher Kindheit erfährt Martin Luther King in seiner südstaatlichen Heimat, wie stark der Rassismus die Gesellschaft durchdrungen hatte. So wird seinem ersten Schulfreund der Kontakt mit King untersagt, nachdem die Eltern erfahren hatten, dass es sich bei dem Jungen um einen Schwarzen handelt (Vgl. ebd. S. 18). Martin Luther King steuert während seiner Schullaufbahn vor allem auf eine Karriere als Anwalt oder Arzt zu. Er entscheidet jedoch, sich schlussendlich im Sinne der Familientradition als Baptistenpfarrer weihen zu lassen (Vgl. ebd. S. 15f.).
In der Folge nimmt der noch junge Pfarrer eine Stelle in der Stadt Montgomery im Bundesstaat Alabama an. Dieser zählt, wie seine Heimat Georgia, zu den ehemaligen Südstaaten, in denen Rassismus auch nach dem Sezessionskrieg und dem Verbot des Sklavenhandels noch tief in der Gesellschaft verankert war. Sein Engagement und vor allem der Erfolg des Busboykottes im Jahre 1955 machen aus dem jungen Pfarrer „fast über Nacht eine Symbolfigur“ (Ebd. S. 32).
Für seine Gegner wird er dadurch zum Hassobjekt. In der Folge erhält die Familie regelmäßig Drohanrufe. 1956 wird Martin Luther King erstmals verhaftet. Ihm wird vorgeworfen, mit seinem Auto zu schnell unterwegs gewesen zu sein, und er landet im Gefängnis (Vgl. ebd). Der Wahrheitsgehalt dieses Vorwurfs lässt sich heute nicht mehr zweifelsfrei überprüfen, es liegt jedoch nahe, dass King vor allem aufgrund seiner Bekanntheit unter diesem Vorwand verhaftet wurde. Es dürfte King selbst jedoch klargemacht haben, welchen Gegenwind sein Kampf entfachen würde.
Als King 1957 erneut verhaftet wird, diesmal unter dem Vorwand, vor einem Gerichtsgebäude „herumgelungert“ (Prinz 2018. S. 46.) zu haben, wird er zu einer Geldstrafe oder 14 Tagen Gefängnis verurteilt. King weigert sich, die Geldstrafe zu bezahlen, mit der Begründung, er könne nicht guten Gewissens eine Strafe für eine Tat ableisten, die er nicht begangen habe (Vgl. ebd. S. 47). Kings Strategie des zivilen Ungehorsams fand bei vielen Anhängern Anklang. So gingen in North Carolina vier schwarze Studenten in ein Restaurant, das ausschließlich Weißen den Zutritt gestattete, um gegen die ungerechte Gesetzgebung zu protestieren. Die Aktion fand viele Nachahmer und auch King beteiligte sich an einem Sit-in in einem Schnellrestaurant eines Kaufhauses (Vgl. ebd, S. 57).
Zum gewaltlosen Widerstand gehörte allerdings auch, mit den Konsequenzen der Gesetzesübertretung leben zu können. Im Fall der Sit-ins in Restaurants bedeutete dies, das alle Beteiligten verhaftet wurden (Vgl. ebd.). Wie erfolgreich diese Strategie sein konnte, zeigte sich in Birmingham im Bundesstaat Alabama. Hier protestierten Anhänger Kings, um „die Rassentrennung in Restaurants, Kaufhäusern, Läden aufzuheben“ (Ebd. S. 62f.), indem sie Sit-ins und Boykottaktionen veranstalteten. Der Großteil der Protestierenden wurde verhaftet. Bei der anschließenden Demonstration kam es zu weiteren Verhaftungswellen, die auch von der breiten Öffentlichkeit nicht mehr ignoriert werden konnten. Als in der Folge auch Kinder und Jugendliche am Protest teilnahmen und von der Polizei in Schulbussen in die Gefängnisse eingeliefert wurden, war die „Uneinsichtigkeit der weißen Politiker und die Brutalität der Polizei“ (Ebd. S. 63) für die gesamte Welt sichtbar.
Insbesondere der Einsatz von Wasserwerfern und Hunden machte es unmöglich, die Geschehnisse in Birmingham zu ignorieren. Auf Druck der Regierung in Washington wurde ein Abkommen mit dem Stadtrat verhandelt, das „fast alle Forderungen“ (Ebd. S. 66) der Protestbewegung erfüllte. Die Ereignisse in Birmingham machten deutlich, wie erfolgreich gewaltloser Widerstand sein konnte, wenn er öffentliche Empörung entfachen konnte.
Wenige Monate später erlebte die Protestbewegung ihren Höhepunkt. Über 200.000 Menschen versammelten sich in Washington, um für Bürgerrechte und gegen das Ende der Rassendiskriminierung zu demonstrieren (Vgl. Eig 2023. S. 329). Es treten Musikgrößen wie Bob Dylan auf, und das Event wird live im Fernsehen übertragen. Die Bilder der Menschenmassen gehen um die Welt. Den Höhepunkt der Veranstaltung markiert Kings Rede „I have a Dream“ (Ebd. S. 337), die bis heute das kollektive Gedächtnis prägt.
King hatte es geschafft, mit seiner Bewegung große Massen von sowohl weißer als
auch schwarzer Hautfarbe für seinen Kampf zu mobilisieren. Sein Erfolg macht
ihn jedoch nicht bei allen beliebt. Als Martin Luther King am 4. April 1968 auf
der Terrasse eines Motels wartet, trifft ihn ein Schuss ins Gesicht. Er wird
zwar noch in ein Krankenhaus gebracht, doch für den Bürgerrechtler kommt jede
Hilfe zu spät. Der Attentäter wird anhand der Fingerabdrücke auf der Tatwaffe
überführt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Er behauptet später, Opfer einer
Verschwörung geworden zu sein (Vgl. Prinz 2018. S. 96).
1.4 Die Ideologie Martin Luther Kings
Da es sich bei Martin Luther King um einen Pfarrer handelte, ist es wenig überraschend, dass sein Denken sehr stark theologisch geprägt war. Dietrich weist jedoch darauf hin, King habe „keine systematische Theologie“ (Dietrich 2008. S. 44) entwickelt. Kings Handlungen waren also stets Reaktionen auf die jeweiligen Vorgänge. Er veröffentlichte zwar Schriften, jedoch kein Manifest, das eine ganzheitliche Ideologie mit einem geschlossenen Weltbild beinhaltete.
Bereits in der Zeit auf der Highschool beschäftigt sich King mit den Schriften verschiedener Philosophen. Geprägt werden seine Ansichten dabei vor allem von dem Theologen Reinhold Niebuhr sowie dem Kirchenhistorikers Walter Rauschenbach (Vgl. ebd.). King kommt in der Folge zur Ansicht, dass „der Mensch frei zu handeln vermag, weshalb er gleichermaßen als Gut und Böse betrachtet werden kann“ (Ebd.). Demnach solle jede Person „unabhängig von ihren Handlungsmöglichkeiten, durch Gottes Zutun als wertvoll, wirklich und würdig verstanden werden“ (Ebd.).
Zentral für seine Überlegungen war die Frage, wie sich die Werte der Bibel mit politischem Handeln vereinbaren ließen (Vgl. ebd. S. 29). King zeigt sich beeindruckt von Mahatma Gandhi und seinem gewaltfreien und dennoch erfolgreichen Widerstand gegen das britische Empire. Als sich Mitglieder seiner Kirchengemeinde nach einem Bombenanschlag auf Kings Haus bewaffnen, beruhigt er die Menge und gibt zu Protokoll: „Unsere Waffe ist es, keine zu haben“ (Prinz 2018. S. 35).
Hier überschnitten sich Kings theologische Überzeugungen mit den
Lehren aus dem Kampf Gandhis. Gelingen konnten die Bestrebungen nur, wenn die
Form des Protests moralisch integer blieb und damit sowohl Schwarzen als auch
Weißen Möglichkeit zur Partizipation bot. Hervorzuheben ist außerdem, dass King
sich explizit von Hass, auch auf die Feinde der Bewegung, distanzierte. Prinz
fasst die theologische Ausrichtung Kings wie folgt zusammen: „Von Jesus kam der
Geist. Von Gandhi die Methode“ (Ebd. S. 30.).
2. Vorbilder
Um abschließend zu klären, inwiefern sich Martin Luther King
als Vorbild eignet, verfolgt das folgende Kapitel das Ziel, den Begriff entsprechend
abzugrenzen und für die Leitfrage fruchtbar zu machen. Hierfür wird neben einer
rein etymologischen Perspektive die Definition des Theologen Hans Mendl bemüht,
der sich insbesondere mit dem Vorbildbegriff in Bildungskontexten befasst hat.
2.1 Zum Begriff ‚Vorbild‘
Der Duden definiert ein Vorbild in der deutschen Sprache als „Person oder Sache, die als [idealisiertes] Muster, als Beispiel angesehen wird, nach dem man sich richtet“ (‚Vorbild‘ im Duden Online). Bei dieser Definition ist hervorzuheben, dass mit der Vorbildfunktion bei gleichzeitiger Idealisierung eine klare Handlungsorientierung einhergeht. Hans Mendl, der sich dem Begriff des Vorbildes vor dem Hintergrund einer theologischen Perspektive nähert, spricht von Vorbildern als Personen „die wegen ihrer besonderen Eigenschaften oder moralischen Handlungen zum persönlichen Leitbild erwählt“ (Mendl 2014. S. 46) werden. Er spricht von Vorbildern als „Spiegel für moralisch wünschenswerte Charakterzüge und Handlungen“ (Ebd. S. 60).
Da es
sich bei ‚moralisch wünschenswerten Charakterzügen‘ zweifelsohne um subjektive
Kategorien handelt, kann der Vorbildbegriff unmöglich universell sein. Beiden Definitionen ist die
Handlungsorientierung gemein. Da allerdings von ‚Beispiel‘ bzw. ‚Leitbild‘
gesprochen wird, ist davon auszugehen, dass die Handlungsorientierung nicht im
Sinne einer exakten Kopie des Verhaltens zu verstehen ist. Das Vorbild, so
Mendel, rege „den eigenen Lebensentwurf an“ (Ebd. S. 46.). Somit ist die Form
der Handlungsorientierung definitorisch uneindeutig und ebenfalls subjektiv. Er
merkt außerdem an, Vorbilder könnten „in ihrem lebensgeschichtlichen Gesamtentwurf
unerreichbar“ (Ebd.) wirken und dementsprechend „orientierendes Lernen“ (Ebd.)
verhindern. Hier wird nochmal deutlich, dass unter einem Vorbild unmöglich eine
direkte Form der Nachahmung im Sinne einer Kopie des Lebensentwurfs zu
verstehen sein kann.
Im Hinblick auf die Leitfrage bleibt festzuhalten, dass der
Begriff des ‚Vorbildes‘ vor allem von subjektiven Kriterien abhängig ist. Wer
oder was ein Vorbild ist, hängt also davon ab, welche Handlungen man selbst für
erstrebenswert hält. Die Handlungen eben dieses Vorbildes werden für so
wünschenswert gehalten, dass sie Leitlinien für das eigene Handeln bilden. Die
Vorbildfunktion ist somit handlungsgebunden und nicht als vollumfänglicher
Lebensentwurf zu verstehen.
2.2 Vorbilder im gesellschaftlichen Wandel
Wie bereits im vorangegangenen Abschnitt deutlich wurde, sind Vorbilder ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft. Von ersten unbewussten Vorbildern, wie unseren Eltern, zu Gleichaltrigen im Umfeld und prominenten Personen oder fiktiven Charakteren spielen Vorbilder im Leben eines jeden Menschen eine Rolle. Wie groß der Einfluss von Vorbildern sein kann, machten unter anderem die Nationalsozialisten in Deutschland deutlich. Sie betrieben eine riesige Propagandaindustrie, deren Ziel nicht zuletzt darin bestand den Heranwachsenden ein Narrativ mit klaren Vorbildern zu liefern (Vgl. Mendl 2014. S. 17f.).
Vorbilder für die Jungen sollten vor allem Soldaten sein,
die Werte wie Tapferkeit und Aufopferungsbereitschaft ausstrahlten. Der
Nationalsozialismus war auf solche Menschen angewiesen und benötigte Vorbilder
daher, um sicherzustellen, dass auch nachfolgende Generationen in ihrem Sinne
handeln würden. Es scheint daher wenig überraschend, dass Vorbilder nach der
Aufarbeitung des Nationalsozialismus in den 1960er Jahren in den Hintergrund
rückten und insbesondere in liberalen Kreisen wenig Anklang fanden (Vgl. ebd.
S. 19). Ein Beispiel für diesen kulturellen Backlash findet sich im Roman ‚Das
Vorbild‘ von Siegfried Lenz aus dem Jahre 1973:
"Wenn Sie mich fragen: Vorbilder sind doch nur eine Art
pädagogischer Lebertran, den jeder mit Widerwillen schluckt, zumindest mit
geschlossenen Augen. Sie erdrücken doch den jungen Menschen, machen ihn
unsicher und reizbar, und fordern ihn auf ungeziemende Weise heraus. Vorbilder
im herkömmlichen Sinn, das sind doch prunkvolle Nutzlosigkeiten, Fanfarenstöße
einer verfehlten Erziehung, bei denen man sich die Ohren zuhält. Alles, was
sich von den Thermopylen bis nach Lambarene überlebensgroß empfiehlt, ist doch
nur ein strahlendes Ärgernis, das nichts mit dem Alltag zu tun hat. Peinliche
Überbautypen, um es mal so auszudrücken … Im Namen von ahnungslosen Schülern
möchte er protestieren gegen die Art, wie hier, typisch systemkonform, versucht
werde, jungen Leuten einen Minderwertigkeitskomplex beizubringen, indem man sie
zwingt, vor erdrückenden Denkmälern zu leben." (Lenz 1973. S. 45)
Diese Abrechnung mit Vorbildern im Allgemeinen findet vor einem gesellschaftlichen Hintergrund statt, der sich vor allem von den Fehlern der Vergangenheit lossagen will. Vorbilder erscheinen hier als etwas grundsätzlich Autoritäres und Realitätsfernes, weshalb sie abzulehnen sind. Bemerkenswert ist dieser Abschnitt auch deshalb, da er sich explizit an die Vorbildfunktion für junge Menschen sowie die Umsetzung in der Schule richtet.
Die Ablehnung von Vorbildern in und außerhalb des schulischen Kontextes hielt bis in die 1980er Jahre an. Seitdem ist jedoch wieder ein stetiger Zuwachs an Bedeutung von Vorbildern, insbesondere bei Umfragen unter Jugendlichen, zu beobachten (Vgl. Mendl 2014. S. 17). Dabei müssen Vorbilder nicht zwangsläufig einen autoritären Charakter fördern. Krischer merkt an: „Auch demokratisch verfasste Zivilgesellschaften, die man auch als postheroische Gesellschaften charakterisieren kann, können auf Dauer auf die Vermittlung heroischer Werte nicht verzichten. Ohne Opferbereitschaft funktionieren auch jene gesellschaftlichen Systeme nicht, die Leistung nur über Geld belohnen“ (Krischer 2002. S. 68.).
Auch
Mendl weist auf die Abkehr vom Vorbildcharakter im Sinne des klassischen Heldentums
hin, wenn er schreibt: „Solchen Helden werden eher Eigenschaften wie Mut,
Persönlichkeit, Humanität, Altruismus, Disziplin und weniger Erfolg und
Körperkraft zugeschrieben“ (Mendl 2014. S. 32). Der neue ‚Held‘ dient nicht
zur „unmittelbaren Nachhahmung, sondern vielmehr der Vergewisserung, dass die
Welt nicht aus den Fugen gerät, solange es selbstlose Menschen gibt, die
herausragende Taten für die Gesellschaft vollbringen“ (Ebd.).
Im Hinblick auf die Leitfrage lässt sich also festhalten,
dass die gesellschaftliche Bedeutung von Vorbildern zum aktuellen Zeitpunkt
wieder sehr hoch ist. Unabhängig von der Begriffsdefinition hat sich das Bild des
Vorbildes über die Jahre hinweg stark gewandelt, was mit Sicherheit dazu
beigetragen hat, dass Vorbilder heute wieder eine größere Rolle spielen. Des Weiteren
überschneidet sich diese Erkenntnis mit der vorangegangenen, nach der sich
kein eindeutig definierbarer Vorbildcharakter klassifizieren lässt, sondern die
entscheidenden Merkmale eines Vorbildes in erster Linie beim Betrachter bzw.
den gesellschaftlichen Normen liegen.
3. Gewaltloser Widerstand
Um in der Leitfrage beantworten zu können, inwiefern Martin Luther King eine Vorbildfunktion für gewaltlosen Widerstand einnehmen kann, wird im nachfolgenden Kapitel ‚Gewaltloser Widerstand‘ näher beleuchtet.
In einem rein etymologischen Sinne setzt sich gewaltloser Widerstand aus den Begriffen ‚gewaltlos‘ und ‚Widerstand‘ zusammen. Der Duden der deutschen Sprache beschreibt Widerstand als das „Widersetzen“ (‚Widerstand‘ im Duden online) und listet als Synonyme „Gegenwehr“ und „Auflehnung“ (Ebd.). Dabei beinhaltet ‚Widerstand leisten‘ in der Regel eine Gegenwehr gegen einen mächtigeren oder zumindest gleichstarken Gegner. Somit ist ein gewisses Machtgefälle zu erkennen, bei dem die Gruppe der Widerständler in der Regel aus einer niedrigeren Position heraus beginnt. Der Gegner, gegen den die Auflehnung stattfindet, kann sowohl staatlicher als auch nichtstaatlicher Natur sein.
‚Gewaltlos‘
ist etwas, das „ohne Anwendung von Gewalt vonstatten geht“ (‚gewaltlos‘ im
Duden online). Demnach handelt es sich also etymologisch betrachtet bei
gewaltlosem Widerstand um eine Form des Auflehnens, bei der keine Gewalt
angewendet wird. Dies würde insofern zum Kampf Martin Luther Kings passen, als
dass er die Abstinenz von Waffen als größten Vorteil
seiner Bewegung sah.
Orientiert man sich jedoch streng an dieser Herleitung, hat es vermutlich noch keinen gewaltlosen Widerstand in der Geschichte der Menschheit gegeben. Selbst bei Demonstrationen innerhalb demokratischer Länder kommt es zu Zusammenstößen mit Polizei oder Gegendemonstranten. In diesem Fall geht die Gewalt in der Regel auch nicht von der Widerstandsgruppe selbst aus. Die komplette Abwesenheit von Gewalt kann also nicht als alleiniges Kriterium für gewaltlosen Widerstand betrachtet werden.
Erica Chenoweth und Maria J. Stephan haben sich mit der Frage auseinandergesetzt, warum ziviler bzw. gewaltloser Widerstand funktionieren kann. Ihre Definition orientiert sich allerdings nicht an der tatsächlichen Abstinenz von Gewalt, sondern an der Methodik und Zielsetzung des Widerstandes. Sie nennen „Boykotte (sozial, wirtschaftlich und politisch), Streiks, Proteste, Sit-ins, Fernbleiben vom Arbeitsplatz“ (Chenoweth/Stephan 2024. S. 49f.) als typische Waffen in solch einem Kampf. Ziel eines gewaltlosen Widerstandes ist es demnach, eine wie auch immer geartete „Öffentlichkeit zu mobilisieren“ (Ebd.). Die oben beschriebenen Techniken sollen den (politischen) Gegner „delegitimieren“ (Ebd.) und dadurch die Machtverhältnisse ändern.
Dadurch
ist gewaltloser Widerstand nicht von finanziellen Budgets oder Ausrüstung wie
militärischem Gerät abhängig. Die Ressource des gewaltlosen Widerstands sind
Menschen, die das Ziel für so erstrebenswert halten, dass sie den Kampf
mittragen. Die „moralischen, physischen, informationellen und kommunikativen
Hürden“ (Ebd. S. 47) sind dabei deutlich niedriger als bei einem Widerstand,
der die Ausübung von Gewalt voraussetzt. Dementsprechend ist der Erfolg von
gewaltlosen Widerstandsaktionen davon abhängig, wie groß die Unterstützung der
jeweiligen Bevölkerung ist (Vgl. Ebd.). Obgleich man bewaffneten
Widerstandsbewegungen instinktiv eine höhere Erfolgsquote bescheinigen würde, da
sie durch Waffengewalt über scheinbar höhere Macht verfügen, waren sie zwischen
1900 und 2006 nur halb so erfolgreich wie gewaltlose Widerstandsgruppen (Vgl.
ebd. S. 43).
Es kann also festgehalten werden, dass unter gewaltlosem
Widerstand nicht die vollständige Abwesenheit von Gewalt zu verstehen ist.
Gewaltlose Widerstandsbewegungen schließen Gewalt als Mittel von vornherein
aus, um möglichst viele Menschen mobilisieren zu können. Die Ablehnung von
Gewalt muss also zum Grundsatz der Bewegung gehören.
4. Zwischenfazit
Nachdem nun sowohl gewaltloser Widerstand als auch die
Vorbildfunktion aufgearbeitet wurden, stellt sich die Frage, inwieweit King
diesen beiden Kategorien zuzuordnen ist. Diese Einordnung kann als
Zwischenfazit betrachtet werden, um abschließend klären zu können, ob und wie
ebenjene Aspekte in der Schule verwirklicht werden könnten.
4.1 Martin Luther Kings Bewegung als Beispiel für gewaltlosen Widerstand
Hinsichtlich des vorangegangenen Kapitels kann es als erwiesen betrachtet werden, dass der Kampf Martin Luther Kings dem gewaltlosen Widerstand zuzuordnen ist. Zwar kam es bei vielen Demonstrationen und Boykotten immer wieder zu Gewalt, diese ging aber hauptsächlich von Polizeiapparat und Gegnern aus. Die Bewegung selbst setzte, anders als der wesentlich radikalere Malcom X, auf friedliche Protestaktionen.
Da King aufgrund seiner theologischen, mit Sicherheit aber auch aus strategischen Überzeugungen Gewalt ablehnte, ermöglichte dies auch nicht von Rassismus betroffenen Menschen einen Zugang zur Bewegung. King selbst setzte sich, wie beispielsweise nach dem Bombenattentat auf sein Haus, explizit gegen die Anwendung von Gewalt ein. Gewaltlosigkeit war bei King also keine situative oder zufällige Entscheidung, sondern gehörte von Anfang an zur DNA der Bewegung.
Wesentlich komplexer ist die Frage, inwiefern King tatsächlich einem Widerstand zuzuordnen ist. Anfangs organisierte er Boykotte und Protest vor allem aus seiner Position als Pfarrer heraus. Es handelte sich somit um spontane Aktionen. Diese waren oft an die lokalen Gegebenheiten, also eine bestimmte Form der Ausgrenzung, oder an temporäre Ereignisse, wie die Festnahme von Rosa Parks gebunden. Beispielhaft hierfür wäre der Boykott der Busse in Montgomery.
In der Folge wurde King populär, sodass er vor allem symbolisch für den Kampf gegen den Rassismus und für die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung stand. Der Rassismus war vor allem in den Südstaaten allgegenwärtig und vielschichtig. Während Gruppen wie der Ku-Klux-Clan ein zutiefst rassistisches Weltbild einte, wurde die alltägliche Ausgrenzung von großen Teilen der Bevölkerung schlichtweg mitgetragen.
Neben
der Ausgrenzung im Alltag hatten staatliche Institutionen den größten Anteil an
der Ungleichbehandlung der schwarzen Bevölkerung. Sowohl Polizeiapparat als
auch Gerichte waren passive (durch Wegschauen) als auch aktive (durch ungleiche
Behandlung) Akteure. King war also nie Anführer einer statischen Gruppe, die in
Mitglieder und Auswärtige unterschied, sondern eine Symbolfigur, die über die
Macht verfügte, Menschen zu mobilisieren. Die Widerstandsaktionen waren in der
Regel ereignisgebunden, jedoch stets vor dem Hintergrund des Kampfes gegen ein
ungerechtes System und eine Gesellschaft, die über die Bereitschaft verfügte,
dieses mitzutragen. Daher kann auch ohne das Vorhandensein einer klaren
Freund-Feind-Konstellation von einer Widerstandsbewegung gesprochen werden. Dementsprechend
sind alle Bedingungen gegeben, die im Abschnitt zu gewaltlosem Widerstand als
notwendig betrachtet wurden.
4.2 Martin Luther King als Vorbild für gewaltlosen Widerstand
Nachdem bereits deutlich wurde, dass die Bewegung Martin Luther Kings zweifelsohne den Kriterien für gewaltlosen Widerstand entspricht, bleibt die Frage, inwiefern King als Vorbild zu betrachten ist. Im Abschnitt zu Vorbildern konnte herausgearbeitet werden, dass die Vorbildfunktion nicht an konkrete Nachhahmung eines Lebensentwurfes gebunden ist, sondern vor allem Inspiration bieten soll. Des Weiteren wurde deutlich, dass eine Vorbildfunktion stets vom eigenen Wertekanon abhängig zu machen ist. Die Leitfrage bezieht sich jedoch ausschließlich auf die Vorbildfunktion im Sinne des gewaltlosen Widerstandes.
Beispielhaft für eine mögliche Vorbildfunktion dürfte im Falle Kings vor allem seine Bereitschaft sein, die Konsequenzen des Widerstandes selbst zu ertragen. Er predigte nicht nur die Gewaltlosigkeit, sondern nahm selbst an Boykotten und Demonstrationen teil. Auch als er bereits große Popularität genoss und längst zu einer symbolträchtigen Figur gereift war, setzte sich King aktiv in der Bewegung ein und beschränkte sich nicht auf eine Rolle als Organisator und politischer Sprecher. Den Aufopferungswillen, den er selbst mitbrachte, forderte er auch von seiner Gefolgschaft ein.
Außerdem kann King als inspirierendes Beispiel
für die Auflehnung gegen Unrecht betrachtet werden. Im Falle Kings handelte es
sich beim Unrecht um die gesetzliche und gesellschaftliche Ungleichbehandlung
von schwarzen Menschen in den USA. Legt man also den Wertekanon einer
demokratischen Gesellschaft zugrunde, kann King als Vorbild betrachtet werden.
5. Martin Luther King als Vorbild im schulischen Kontext
In diesem Abschnitt soll nun untersucht werden, wie Martin
Luther King als Vorbild im schulischen Kontext der Sekundarstufe I behandelt
werden könnte. Eine Grundlage hierfür sind die Anforderungen, die der
Bildungsplan an den Unterricht stellt. Orientiert wird sich hierbei am
Bildungsplan des Landes Baden-Württemberg.
Oberstes Ziel der Bildung im Fach Gemeinschaftskunde ist es,
einen politisch mündigen Bürger auszubilden, also Schülerinnen und Schüler zu „demokratischem
Denken und Handeln zu befähigen und zu ermutigen“ (Bildungsplan Sekundarstufe I
BW. 2016. S. 3). Im Fach Gemeinschaftskunde listet der Bildungsplan mehrere
prozessbezogene Kompetenzen auf. Dazu zählen Analysekompetenz, Urteilskompetenz,
Handlungskompetenz sowie Methodenkompetenz (Vgl. ebd. S. 5). Im Abschnitt zur
Vorbildfunktion wurde deutlich, dass Vorbilder auch Leitlinien fürs eigene
Handeln bilden können, weshalb im Folgenden primär die Handlungskompetenz
genauer untersucht wird. Der Bildungsplan definiert die geforderte
Handlungskompetenz dabei wie folgt:
Oberstes Ziel der politischen Bildung ist die Förderung des
mündigen Bürgers, der politisch interveniert und sich so „in seine eigenen
Angelegenheiten einmischt“ (Max Frisch). Politische Bildung erstreckt sich
nicht nur auf die Bereiche der Analyse und des politischen Urteils, sondern
beinhaltet auch die Ebene des simulativen und des praktischen politischen
Handelns. (Ebd.)
Die Handlungskompetenzen werden in die folgenden
Unterkompetenzen aufgeteilt:
Die Schülerinnen und Schüler können
1. eigene Interessen, Urteile und Entscheidungen – auch
aus Minderheitenpositionen heraus – sachlich und überzeugend vertreten
2. die Positionen und Begründungen von Andersdenkenden mit
eigenen Argumenten sachlich und kritisch in Frage stellen
3. sich im Sinne eines Perspektivwechsels in die Situation,
Interessen und Denkweisen anderer Menschen versetzen, diese Interessen und
Denkweisen simulativ für eine begrenzte Zeit vertreten und das eigene Verhalten
in der Rolle reflektieren
4. in politischen Kontroversen konfliktfähig sein, aber auch
Kompromisse schließen
5. die Regeln für ein rationales und gewaltfreies Austragen
politischer Konflikte einhalten
6. ihre Interessen in schulischen und außerschulischen
Zusammenhängen wahrnehmen und an demokratischen Verfahren in Schule und Politik
mitwirken
7. Texte und andere Medien, die der Teilhabe an politischen,
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozessen dienen, erarbeiten
8. bei der Nutzung von Medien die Grundsätze des
Datenschutzes und der informationellen Selbstbestimmung beachten
(Vgl. Bildungsplan Sekundarstufe I BW. 2016. S. 13)
Die genannten Kompetenzen sind keine konkreten Unterrichtsinhalte. Es handelt sich um Kompetenzen, die auf der Metaebene vermittelt werden können und dementsprechend nicht Thema der Unterrichtsstunde sein müssen. Es bedarf wohl wenig Fantasie, sich Martin Luther King als eine Person vorzustellen, die sich, wie in Punkt eins gefordert, in ihre „eigenen Angelegenheiten einmischt“ (Ebd. S. 5). Des Weiteren verkörpert King wie kein anderer das praktische politische Handeln. Wenn Martin Luther King also eine Vorbildfunktion im schulischen Kontext einnehmen könnte, dann für das praktische politische Handeln.
Die erste Kompetenz sieht vor, dass Schülerinnen
und Schüler eigene Interessen auch aus Minderheitenpositionen heraus vertreten
können (Vgl. ebd.). Obgleich die schwarze Bevölkerung in den USA eine große
Gruppe darstellte, handelte es sich um eine Minderheit und somit
wäre der Kampf Martin Luther Kings in dieser Hinsicht ein lohnenswerter
Unterrichtsinhalt. Ebenso sticht die fünfte Kompetenz heraus, wonach
Schülerinnen und Schüler die Regeln für ein rationales und gewaltfreies
Austragen von politischen Konflikten kennen und umsetzen sollten (Vgl. ebd.).
Auch hier eignet sich Martin Luther King als Vorbild, da die gewaltfreie
Konfliktbewältigung zur Identität seiner Bewegung gehörte. Hinsichtlich der
Leitfrage kann also festgehalten werden, dass es große Überschneidungen
zwischen den geforderten Kompetenzen und den Handlungen Martin Luther Kings
gibt.
6. Fazit
Abschließend soll nun die Ausgangsfrage dieser Arbeit beantwortet werden. Zu diesem Zwecke werden im Folgenden die Erkenntnisse der einzelnen Kapitel kurz zusammengefasst. Den Anfang dieser Arbeit bildete ein kurzer Einblick in die Geschichte der amerikanischen Sklaverei, den zeitgenössischen Rassismus sowie den Widerstand, dem Martin Luther King angehörte. Hierbei stach heraus, dass sich Rassismus und Sklavenhandel gewissermaßen symbiotisch verhielten. So bildete der vorherrschende Rassismus in Europa erst die Grundlage für den Sklavenhandel mit den Staaten der heutigen USA. Die verschleppten Sklaven waren dort ein fester wirtschaftlicher Bestandteil, insbesondere auf den Plantagen der Südstaaten. Gleichzeitig verstärkte das Bild des Sklaven den Rassismus und den Blick der Bevölkerung auf schwarze Menschen.
Als der Sklavenhandel in Folge der Niederlage der Südstaaten im Sezessionskrieg verboten wurde, konnte dies mitnichten den Blick der Gesellschaft auf die Menschen ändern. In der Folge war die schwarze Bevölkerung in den USA also von der Sklaverei befreit, jedoch nicht vom allgegenwärtig vorherrschenden Rassismus. Dieser schlug sich in einer permanenten Ausgrenzung, einer öffentlich sichtbaren zwei-Klassen Gesellschaft sowie einer institutionellen Benachteiligung nieder. Teil dieser Ausgrenzung war die Separierung von Sitzplätzen in öffentlichen Verkehrsmitteln. Anders als große Teile der schwarzen Bevölkerung fügte sich Rosa Parks nicht, und als sie gegen diese Segregation protestierte und juristische Konsequenzen zu befürchten hatte, sorgte dies für großes Aufsehen.
Eben dieser Protest rief
Martin Luther King auf den Plan, der zu dieser Zeit als Baptistenpfarrer in der
Stadt Montgomery tätig war. Der von ihm organisierte Boykott führte zu einer Abschaffung
der Segregation in den öffentlichen Verkehrsmitteln und rückte ihn damit ins
Rampenlicht. In der Folge wird King zu einer Symbolfigur für den Widerstand der
schwarzen Bevölkerung gegen die Ungleichbehandlung. Charakteristisch für King
ist dabei seine Herangehensweise, die ausschließlich auf friedliche
Protestaktionen setzt und von militanten Mitteln absieht. Die Ursprünge seiner
Denkschule liegen dabei in seinen theologischen Studien sowie im Kampf Mahatma
Gandhis.
Anschließend wurde sich mit der Frage auseinandergesetzt, wie ‚gewaltloser Widerstand‘ sowie eine Vorbildfunktion zu charakterisieren sind. Beide Begriffe scheinen auf den ersten Blick recht eindeutig, wobei die tatsächliche Bedeutung über die rein etymologische Herleitung hinausragt. Im Falle des gewaltlosen Widerstandes ist dieser nicht durch eine vollständige Abwesenheit von Gewaltakten zu charakterisieren. Sondern in der festen Absicht, Gewalt als Mittel zum Erreichen der Ziele auszuschließen.
Sowohl die Bedeutung
als auch die Funktion eines Vorbildes haben sich im Laufe der Jahre stark
gewandelt. Während die Vorbilder des frühen 20. Jahrhunderts vor allem Tugenden
und Lebensentwürfe darstellten, gerieten sie nicht zuletzt in Folge der Erfahrungen
mit dem Faschismus in Europa in den Hintergrund des gesellschaftlichen
Blickfeldes. Seit den 1980er Jahren ist jedoch ein großer Bedeutungszuwachs zu
verzeichnen, der auch mit einem veränderten Vorbildverständnis einhergeht. Vorbilder
müssen also nicht zwangsläufig ganzheitliche Lebensentwürfe vorleben, sondern
sollen als Inspiration für bestimmte Werte dienen. Gerade dies macht den
Vorbildbegriff jedoch äußerst subjektiv, da letztendlich die moralischen
Vorstellungen des Rezipienten darüber entscheiden, inwiefern und wofür jemand
ein Vorbild sein kann. Unter Berücksichtigung der Kriterien der Leitfrage
konnte herausgearbeitet werden, dass Martin Luther King eine Vorbildfunktion für
gewaltlosen Widerstand einnehmen kann. Dies liegt neben seiner Ideologie auch
in seinem konkreten Handeln begründet, in dem er streng an diesen Werten
festhielt.
Eben diese Vorbildfunktion könnte King auch in einem
schulischen Kontext übernehmen. Eine genaue Untersuchung, wie eine
Vorbildfunktion ins Unterrichtsgeschehen eingebunden werden könnte, hätte den
Rahmen dieser Arbeit gesprengt. Insbesondere die großen Überschneidungen mit
den im Bildungsplan geforderten Kompetenzen im Fach Gemeinschaftskunde machen
jedoch deutlich, dass Martin Luther King als Thema einer solchen Rolle
gewachsen wäre.
Literatur
- Chenoweth, Erica/Stephan, Maria J.: Warum ziviler Widerstand funktioniert. Die strategische Logik gewaltloser Konfliktbearbeitung in: Weingardt, Markus (Hrsg.): Religion – Konflikt – Frieden. Band 11. Tübingen 2024.
- Dietrich, Tobias: Martin Luther King. Paderborn 2008.
- Duden online: „Vorbild“ (https://www.duden.de/node/199466/revision/1397367)
- Duden online: „Widerstand“ (https://www.duden.de/node/205583/revision/1316377)
- Duden online: „Gewaltlos“ (https://www.duden.de/node/141831/revision/1451663)
- Eig, Jonathan: The Life of Martin Luther King. London 2023.
- Gemeinsamer Bildungsplan der Sekundarstufe I Gemeinschaftskunde. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg. Stuttgart 2016.
- Krischer, Markus (2002), „Heroismus ist unverzichtbar“. Interview mit Herfried Münkler, in: Focus 9, 68–70.
- Lenz, Siegfried: Das Vorbild. Hoffmann und Campe, Hamburg 1973.
- Mendl, Hans: Modelle – Vorbilder – Leitfiguren. Lernen an außergewöhnlichen Biografien. Stuttgart 2014.
- Prinz, Alois: Martin Luther King. Berlin 2018.
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