Erbe der Bürgerrechtsbewegung? - Inwiefern knüpft Black Lives Matter an die Bürgerrechtsbewegung an?

1. Einleitung

Injustice anywhere is a threat to justice everywhere” (Martin Luther King, 1960).

Mit diesen Worten brachte Martin Luther King Jr. zum Ausdruck, dass rassistische Ungerechtigkeit nicht als Problem einzelner Betroffener betrachtet werden kann, sondern die gesamte Gesellschaft betrifft. Dieses Verständnis prägte den Kampf der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung gegen Rassentrennung, Diskriminierung und die Verweigerung grundlegender Rechte.

Unter der Mitwirkung Kings und zahlreicher weiterer Aktivistinnen und Aktivisten erreichte die Bürgerrechtsbewegung bedeutende Veränderungen. Die Abschaffung der gesetzlichen Rassentrennung führte jedoch nicht zur vollständigen Überwindung rassistischer Benachteiligung. Rassismus bestand in gesellschaftlichen Strukturen und institutionellen Praktiken fort und zeigt sich bis heute unter anderem in rassistischer Polizeigewalt und der ungleichen Behandlung Schwarzer Menschen durch das Polizei- und Strafrechtssystem.

Vor diesem Hintergrund entstand 2013 die Black-Lives-Matter-Bewegung. Ausgehend von Protesten gegen die Tötung Schwarzer Menschen entwickelte sie sich zu einer national und international wahrgenommenen Bewegung gegen rassistische Gewalt und strukturellen Rassismus. Dabei greift Black-Lives-Matter einerseits Ziele und Aktionsformen früherer Bürgerrechtsbewegungen auf. Andererseits unterscheidet sich die Bewegung durch ihre dezentrale Organisationsstruktur, ihre intersektionale Ausrichtung und die intensive Nutzung Sozialer Medien von der Bürgerrechtsbewegung der 1950er- und 1960er-Jahre.

Daraus ergibt sich die folgende Forschungsfrage: Inwiefern knüpft die Black-Lives-Matter-Bewegung an die Ziele und Strategien der Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King Jr. an?

Zur Beantwortung dieser Frage werden zunächst zentrale Begriffe geklärt. Anschließend werden die Ziele und Strategien der Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King Jr. sowie der Black-Lives-Matter-Bewegung dargestellt. Darauf aufbauend werden Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Weiterentwicklungen herausgearbeitet. Zuletzt wird beurteilt, inwiefern Black-Lives-Matter als Erbe beziehungsweise eigenständige Weiterentwicklung der Bürgerrechtsbewegung verstanden werden kann.
 
2. Begriffliche und theoretische Grundlagen

Für den Vergleich der Bürgerrechts- und der Black-Lives-Matter-Bewegung ist zunächst eine Klärung der zentralen Begriffe erforderlich. Dazu werden beide Bewegungen kurz eingeordnet und die Ziele, Strategien und Aktionsformen voneinander abgegrenzt. Diese Unterscheidung bildet die Grundlage für das spätere Aufzeigen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Bewegungen.
 
2.1. Bürgerrechtsbewegung

Die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung war keine einheitliche Organisation, sondern setzte sich aus unterschiedlichen Gruppen, Organisationen und lokalen Initiativen zusammen. Dietrich (2008) beschreibt sie als eine „Gemengelage aus säkularen und christlichen, lokalen und überörtlichen Aktivitäten“ (S. 37). Zu den bedeutendsten Organisationen gehörten unter anderem die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), der Congress of Racial Equality (CORE), die Southern Christian Leadership Conference (SCLC) und das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) (vgl. Dietrich, 2008, S. 33–38).

Trotz ihrer unterschiedlichen Ansätze verband diese Gruppen das Ziel, rassistische Diskriminierung zu bekämpfen und die rechtliche sowie gesellschaftliche Gleichstellung der afroamerikanischen Bevölkerung voranzutreiben. Ihre organisatorischen Ursprünge reichen bis Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Besondere politische und gesellschaftliche Bedeutung erlangte die Bewegung jedoch in den 1950er- und 1960er-Jahren. Eine der bekanntesten Persönlichkeiten innerhalb dieser Bewegung war Martin Luther King Jr. Sein Aufstieg zum bedeutenden Bürgerrechtler begann insbesondere im Zusammenhang mit dem Busboykott von Montgomery.
 
Dietrich (2008) stellt fest, dass Kings öffentliches Auftreten „seinen Aufstieg innerhalb der Bürgerrechtsbewegung beschleunigte“ (S. 9). Besonders eng war King mit der Southern Christian Leadership Conference verbunden. Martin Luther King Jr. gehörte zu ihren bekanntesten Führungspersönlichkeiten, darf jedoch nicht mit der gesamten Bürgerrechtsbewegung gleichgesetzt werden (vgl. Dietrich, 2008, S. 36). Im weiteren Verlauf der Arbeit bezeichnet der Begriff daher die breitere Bewegung, wobei der Schwerpunkt entsprechend der Forschungsfrage auf Kings Zielen und seiner Strategie der gewaltfreien direkten Aktion liegt.
 
2.2. Black-Lives-Matter-Bewegung

Black Lives Matter, im Folgenden BLM, bezeichnet sowohl einen politischen Slogan und Hashtag als auch ein Netzwerk und eine breitere soziale Bewegung gegen Rassismus. Clayton (2018) beschreibt BLM als eine Bewegung, die auf den individuellen und gemeinschaftlichen Erfahrungen Schwarzer Menschen beruht und sich insbesondere gegen rassistische Polizeigewalt und strukturelle Unterdrückung richtet (S. 449). Der Hashtag wurde erstmals 2013 verwendet und entwickelte sich zu einem wichtigen digitalen Bezugspunkt für die Auseinandersetzung mit Rassismus, Gewalt und dem US-amerikanischen Strafrechtssystem (vgl. Bestvater et al., 2023).

Der Begriff darf dabei nicht mit einer einzelnen Organisation gleichgesetzt werden. Aus dem zunächst über Soziale Medien verbreiteten Hashtag, entwickelte sich eine Bewegung mit verschiedenen lokalen Gruppen und gesellschaftlichen Netzwerken. Clayton (2018) beschreibt diese Entwicklung als Übergang „from a moment into a social movement“ (S. 454). BLM weist keine einheitliche, hierarchische Führung auf, sondern ist dezentral organisiert. Lokale Gruppen können eigene Schwerpunkte setzen und weitgehend selbstständig auf rassistische Ungerechtigkeiten reagieren (vgl. Clayton, 2018, S. 459–460). Im weiteren Verlauf der Arbeit bezeichnet BLM daher die breitere soziale Bewegung und nicht ausschließlich eine bestimmte Organisation.
 
2.3. Ziele und Strategien sozialer Bewegungen

Soziale Bewegungen sind nicht zwangsläufig einheitlich geführte Organisationen. Vielmehr bestehen sie aus Netzwerken verschiedener Personen und Gruppen, die durch gemeinsame gesellschaftliche oder politische Anliegen verbunden sind. Nach Kewes (2025) entwickeln die Beteiligten gemeinsame Vorstellungen darüber, „was die Ziele und Mittel ihres Protests sein sollen“ (Abschnitt „Kooperation innerhalb der Zivilgesellschaft“, Abs. 9).

Als Ziele werden in dieser Arbeit die gesellschaftlichen oder politischen Veränderungen verstanden, die eine Bewegung erreichen möchte. Sie beantworten somit die Frage, was verändert werden soll. Clayton (2018) beschreibt soziale Bewegungen als Zusammenschlüsse, die unter anderem auf die Überwindung sozialer Ungerechtigkeit und schwerwiegender Ungleichheit ausgerichtet sind (S. 450).

Davon sind Strategien als längerfristige und grundsätzliche Vorgehensweisen zu unterscheiden. Sie bestimmen, auf welchem Weg eine Bewegung ihre Ziele erreichen möchte. Eine mögliche Strategie stellt die gewaltfreie direkte Aktion dar. Diese beruht nicht nur auf dem Verzicht von körperlicher Gewalt, sondern auf einem planmäßigen Vorgehen, durch das Ungerechtigkeiten sichtbar gemacht und gesellschaftlicher Druck erzeugt werden sollen (vgl. Steffani, 1968).

Zur Strategie sozialer Bewegungen gehört häufig auch die bewusste Herstellung öffentlicher Aufmerksamkeit. Da Bewegungen ihre gesellschaftliche Wirkung wesentlich über mediale Resonanz entfalten, richten sie ihre Aktionsformen häufig an deren öffentlicher Wahrnehmbarkeit aus (vgl. Rucht, 2024).

Aktionsformen sind die konkreten Maßnahmen, mit denen eine Strategie umgesetzt wird. Dazu zählen beispielsweise Demonstrationen, Sit-ins, Boykotte und ziviler Ungehorsam (vgl. Steffani, 1968, Abschnitt „Was heißt ‚gewaltfreie Aktion‘?“). Während Gewaltfreiheit somit eine übergeordnete Strategie bezeichnet, stellen Demonstrationen oder Boykotte konkrete Aktionsformen dar. Diese Unterscheidung bildet die Grundlage für den folgenden Vergleich der Bürgerrechtsbewegung und der Black-Lives-Matter-Bewegung.
 
3. Bürgerrechtsbewegung

Nachdem die zentralen Begriffe voneinander abgegrenzt wurden, wird im Folgenden die Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King Jr. untersucht. Dabei stehen entsprechend der Forschungsfrage vor allem ihre Ziele und Strategien im Mittelpunkt. Zunächst wird der historische Kontext knapp dargestellt, da sich die Forderungen und Aktionsformen der Bewegung nur vor dem Hintergrund des Jim-Crow-Systems verstehen lassen. Anschließend werden ihre zentralen Ziele, die Strategie der gewaltfreien direkten Aktion sowie wesentliche Erfolge und Grenzen betrachtet.
 
3.1. Historischer Kontext


Obwohl die Sklaverei in den Vereinigten Staaten 1865 abgeschafft worden war, blieb die afroamerikanische Bevölkerung insbesondere in den Südstaaten von umfassender Diskriminierung betroffen. Grundlage dafür war das sogenannte Jim-Crow-System, das die gesellschaftliche Unterordnung Schwarzer Menschen durch gesetzliche Segregation, politische Ausgrenzung und rassistische Gewalt absicherte. Die Trennung von schwarzen und weißen Menschen erstreckte sich unter anderem auf Schulen, öffentliche Verkehrsmittel, Restaurants und weitere Bereiche des öffentlichen Lebens. Dietrich (2008) beschreibt den Jim-Crow-Rassismus entsprechend als ein System, das die ehemaligen Sklavinnen und Sklaven durch „Diskriminierung und Gewaltanwendung“ gesellschaftlich unterordnete (S. 23).

Darüber hinaus wurde Schwarzen Bürgerinnen und Bürgern die Ausübung ihres Wahlrechts durch unterschiedliche gesetzliche und administrative Hindernisse erschwert. Dazu gehörten unter anderem Wahlsteuern und willkürlich eingesetzte Lesetests. Die formale rechtliche Freiheit führte somit nicht zu einer tatsächlichen politischen und gesellschaftlichen Gleichstellung (vgl. National Archives, 2022b).

Einen wichtigen Wendepunkt stellte das Urteil Brown v. Board of Education aus dem Jahr 1954 dar. Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten entschied einstimmig, dass die staatlich angeordnete Trennung schwarzer und weißer Kinder an öffentlichen Schulen gegen den Gleichheitsschutz des 14. Verfassungszusatzes verstieß. Damit wurde die zuvor geltende Rechtsauffassung von „getrennt, aber gleich“ im Bereich der öffentlichen Bildung aufgehoben (National Archives, 2024). Die praktische Umsetzung des Urteils stieß insbesondere in den Südstaaten jedoch auf erheblichen Widerstand. Das Urteil beseitigte die Segregation daher nicht unmittelbar, stärkte aber die rechtliche und politische Grundlage des Kampfes gegen die Rassentrennung.

Eine neue Phase der Bürgerrechtsbewegung begann mit dem Busboykott von Montgomery. Auslöser war die Festnahme Rosa Parks’ am 1. Dezember 1955, nachdem sie sich geweigert hatte, ihren Sitzplatz in einem Bus für einen weißen Fahrgast freizugeben. Daraufhin boykottierte ein großer Teil der afroamerikanischen Bevölkerung Montgomerys die öffentlichen Busse. Der Protest dauerte 381 Tage und endete nach einer gerichtlichen Entscheidung mit der Aufhebung der Segregation in den städtischen Verkehrsmitteln. Zugleich wurde Martin Luther King Jr., der als Präsident der Montgomery Improvement Association an der Organisation des Boykotts beteiligt war, zu einer überregional bekannten Führungspersönlichkeit (vgl. Dietrich, 2008, S. 34–35; The Martin Luther King, Jr. Research and Education Institute, o. D.).

Der erfolgreiche Busboykott verdeutlichte das politische Potenzial eines gemeinschaftlich organisierten und gewaltfreien Widerstands. Im Jahr 1957 gründeten King und weitere Bürgerrechtler die Southern Christian Leadership Conference⁠, kurz SCLC. Die Organisation sollte lokale Protestbewegungen miteinander verbinden und gewaltfreie Aktionen gegen die Segregation koordinieren. King wurde ihr erster Präsident und prägte insbesondere ihre Strategie der gewaltfreien direkten Aktion (National Park Service, 2022).

Die Bürgerrechtsbewegung darf dennoch nicht allein auf King oder die SCLC reduziert werden. Sie wurde von zahlreichen Organisationen sowie lokalen Aktivistinnen und Aktivisten getragen, die teilweise unterschiedliche Schwerpunkte und Vorgehensweisen vertraten. Kings Ziele und Strategien sind deshalb als Teil eines breiteren gesellschaftlichen Kampfes um rechtliche Gleichstellung, politische Teilhabe und die Überwindung der Segregation einzuordnen.

3.2. Zentrale Ziele


Die Bürgerrechtsbewegung setzte sich aus verschiedenen Organisationen und Akteurinnen und Akteuren zusammen, deren Hauptaugenmerk teilweise auf unterschiedlichen Themen lag. Dennoch waren sie durch ein gemeinsames Anliegen verbunden. Dietrich (2008) fasst dieses folgendermaßen zusammen: „Gemeinsam strebten alle Bürgerrechtsgruppen danach, den Rassismus zu bekämpfen und die Segregation abzuschaffen“ (S. 39).

Ein zentrales Ziel war zunächst die Aufhebung der gesetzlich verankerten Rassentrennung. Schwarze Menschen sollten öffentliche Einrichtungen, Schulen, Verkehrsmittel und Geschäfte gleichberechtigt nutzen können. Im Rahmen der Kampagne von Birmingham forderte die Bewegung beispielsweise „eine gemeinsame und gleichberechtigte Benutzung von öffentlichen Gebäuden und Geschäften“ (Dietrich, 2008, S. 8–9). Die Aufhebung der Segregation sollte somit nicht nur rechtlich beschlossen, sondern auch im gesellschaftlichen Alltag verwirklicht werden. Auf diese Forderungen reagierte die US-amerikanische Politik unter anderem mit dem Civil Rights Act von 1964⁠, der die Segregation in öffentlichen Einrichtungen sowie verschiedene Formen der Diskriminierung untersagte (National Archives, 2022a).

Ein weiteres wesentliches Ziel war die tatsächliche Durchsetzung politischer Rechte. Obwohl Schwarzen Männern das Wahlrecht formal bereits durch den 15. Verfassungszusatz zugesichert worden war, wurde seine Ausübung insbesondere in den Südstaaten durch Wahlsteuern, Lesetests, Einschüchterung und weitere Hindernisse erschwert. King und andere Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler kämpften deshalb für einen gleichberechtigten Zugang zu politischen Wahlen. Der Voting Rights Act von 1965⁠ verbot unter anderem diskriminierende Wahlpraktiken wie Lesetests und stärkte den Schutz des Wahlrechts auf Bundesebene (National Archives, 2022b).

Kings Zielvorstellungen gingen allerdings über rechtliche Reformen hinaus. Die bloße Abschaffung diskriminierender Gesetze bedeutete aus seiner Sicht noch kein tatsächlich gleichberechtigtes gesellschaftliches Zusammenleben. Der „segregierten Realität“ stellte King daher die Vision einer Integration schwarzer und weißer Menschen in einer sogenannten Beloved Community gegenüber (Dietrich, 2008, S. 44). Damit bezeichnete er eine Gemeinschaft, die von Gerechtigkeit, Versöhnung, gegenseitiger Anerkennung und der Würde jedes Menschen geprägt sein sollte. In seinem Bericht My Trip to the Land of Gandhi⁠ verband King die Entstehung dieser Gemeinschaft ausdrücklich mit dem Weg der Gewaltfreiheit (King, 1959).

Diese Vision kommt auch in Kings berühmter Rede I Have a Dream⁠ zum Ausdruck, die er 1963 beim Marsch auf Washington hielt. Darin entwarf er das Bild einer Gesellschaft, in der Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilt werden und schwarze und weiße Kinder gleichberechtigt zusammenleben können (King, 1963b). Sein Ziel bestand somit nicht darin, weiße Menschen zu besiegen oder auszugrenzen, sondern das rassistische System zu überwinden und ein gerechtes Zusammenleben zu ermöglichen.

Im weiteren Verlauf seines politischen Engagements bezog King zunehmend auch soziale und wirtschaftliche Ungleichheit ein. Die rechtlichen Erfolge der Bürgerrechtsbewegung hatten die Lebensbedingungen vieler Schwarzer Menschen nicht automatisch verbessert. Deshalb richtete King seine Aufmerksamkeit verstärkt auf Armut, Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Benachteiligung. Seine Forderungen zielten schließlich darauf, „die wirtschaftliche Lage aller Armen in den USA zu verbessern“ (Dietrich, 2008, S. 9). Damit entwickelte sich sein Engagement vom Kampf gegen die gesetzliche Segregation hin zu einer umfassenderen Forderung nach sozialer Gerechtigkeit.

Zusammenfassend lassen sich Kings zentrale Ziele in vier Bereichen festhalten: Abschaffung der Segregation, Durchsetzung politischer Rechte, gesellschaftliche Integration sowie Überwindung sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheit. Verbunden wurden diese Anliegen durch seine Vision einer gerechten und friedlichen Beloved Community.
 
3.3. Strategien und Aktionsformen


Um seine Ziele zu erreichen, setzte Martin Luther King Jr. insbesondere auf die Strategie der gewaltfreien direkten Aktion. Dietrich (2008) hält fest: „Von Anfang an favorisierte King die Methode der Nonviolent Direct Action, um seine Ziele zu erreichen“ (S. 46). Gewaltfreiheit bedeutete dabei weder Passivität, noch die widerspruchslose Hinnahme von Ungerechtigkeit. Vielmehr verstand King darunter einen aktiven und organisierten Widerstand gegen rassistische Unterdrückung, bei dem auf körperliche Gewalt verzichtet wurde.

Die Gewaltfreiheit war für King sowohl eine politische Strategie als auch eine moralische Grundhaltung. Der Widerstand sollte sich gegen das ungerechte System und nicht gegen einzelne Menschen richten. Sein Ziel war daher nicht die Niederlage oder Demütigung der Gegnerinnen und Gegner, sondern die Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse und schließlich die Versöhnung. King verband diese Haltung mit seinem christlichen Glauben und mit den Ideen Mahatma Gandhis. Nach Dietrich (2008) hatte King von Gandhi insbesondere „viel über die soziale Kraft der Liebe gelernt“ (S. 46).

Die gewaltfreie direkte Aktion folgte einem planmäßigen Vorgehen. In seinem Letter from Birmingham Jail ⁠ unterschied King (1963a) vier grundlegende Schritte einer gewaltfreien Kampagne:

1. Untersuchung und Feststellung des bestehenden Unrechts,
2. Verhandlungen mit den Verantwortlichen,
3. innere Vorbereitung auf den gewaltfreien Widerstand,
4. Durchführung direkter Aktionen.

Direkte Aktionen wurden demnach nicht sofort eingesetzt. Zunächst sollten die Missstände geprüft und Verhandlungen angestrebt werden. Erst wenn diese scheiterten, kamen Protestmaßnahmen zum Einsatz. Die Aktivistinnen und Aktivisten bereiteten sich darauf vor, trotz Beleidigungen, Angriffen oder Verhaftungen gewaltfrei zu bleiben. Durch die anschließende Aktion sollte eine gesellschaftliche Spannung entstehen, die es den Verantwortlichen erschwerte, das bestehende Unrecht weiterhin zu ignorieren (King, 1963a).

Zur Umsetzung dieser Strategie nutzte die Bürgerrechtsbewegung unterschiedliche Aktionsformen. Dazu gehörten insbesondere Demonstrationen, Märsche, Sit-ins, Boykotte, Freedom Rides und ziviler Ungehorsam. Bei Sit-ins nahmen Schwarze Aktivistinnen und Aktivisten beispielsweise Plätze in Restaurants ein, die ausschließlich weißen Menschen vorbehalten waren. Boykotte sollten dagegen wirtschaftlichen Druck erzeugen, indem bestimmte Geschäfte oder Verkehrsmittel bewusst nicht genutzt wurden. Beim zivilen Ungehorsam wurden ungerechte Vorschriften gezielt missachtet und mögliche rechtliche Konsequenzen in Kauf genommen. Steffani (1968) unterscheidet entsprechend zwischen Protestformen wie Demonstrationen und Sit-ins, Formen der Nichtzusammenarbeit wie Boykotten und dem zivilen Ungehorsam.

Ein bekanntes Beispiel für die Verbindung dieser Aktionsformen war die Birmingham Campaign von 1963. Die Bewegung kombinierte Demonstrationen, Sit-ins und einen wirtschaftlichen Boykott, um die Aufhebung der Segregation zu erzwingen. Als Polizei und Feuerwehr mit Gewalt gegen die Protestierenden vorgingen, verbreiteten Zeitungen und Fernsehsender Bilder von Wasserwerfern, Polizeihunden und zahlreichen Festnahmen. Die öffentliche Empörung erhöhte den politischen und wirtschaftlichen Druck auf die Verantwortlichen (vgl. The Martin Luther King, Jr. Research and Education Institute, o. D.-a).

Die Herstellung medialer Öffentlichkeit bildete daher einen wichtigen Bestandteil der Strategie. Bilder von friedlich Protestierenden, die von Polizei oder weißen Gegnern angegriffen wurden, machten die rassistische Gewalt auch für Menschen sichtbar, die nicht unmittelbar von der Segregation betroffen waren. Nach Dietrich (2008) machte das Fernsehen die Schwarzen Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler „für alle Amerikaner gegenwärtig und sichtbar“ (S. 54). Öffentliche Aufmerksamkeit sollte Mitgefühl und gesellschaftlichen Druck erzeugen und dadurch politische Veränderungen fördern.
 
3.4. Erfolge und Grenzen

Die Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King Jr. erzielte bedeutende gesellschaftliche und politische Erfolge. Ein frühes Beispiel war der Busboykott von Montgomery. Nach mehr als einem Jahr des gemeinschaftlich organisierten Protests wurde die Rassentrennung in den öffentlichen Verkehrsmitteln der Stadt aufgehoben. Dietrich (2008) stellt dazu fest: „Gegen Ende des Jahres 1956 gelang es der MIA, eine Desegregation der örtlichen Busse durchzusetzen“ (S. 35). Der Erfolg zeigte, dass gewaltfreier Widerstand konkrete Veränderungen bewirken konnte.

Zu den wichtigsten rechtlichen Erfolgen gehörten der Civil Rights Act von 1964⁠ und der Voting Rights Act von 1965⁠. Der Civil Rights Act untersagte unter anderem die Segregation in öffentlichen Einrichtungen und verschiedene Formen der Diskriminierung am Arbeitsplatz. Der Voting Rights Act verbot diskriminierende Praktiken wie Lesetests, durch die Schwarze Bürgerinnen und Bürger an der Ausübung ihres Wahlrechts gehindert worden waren. Dietrich (2008) beschreibt beide Gesetze als Veränderungen, „die zusammen genommen die Afroamerikaner mit den Weißen rechtlich gleichstellten“ (S. 7).

Ein weiterer Erfolg bestand in der Veränderung der öffentlichen Wahrnehmung. Die gewaltfreien Protestaktionen und ihre mediale Verbreitung machten rassistische Diskriminierung und Gewalt im gesamten Land sichtbar. Insbesondere Bilder von friedlich Protestierenden, die von der Polizei angegriffen wurden, erzeugten Aufmerksamkeit und erhöhten den politischen Druck auf die Regierung. Nach Dietrich (2008) trug die gewaltfreie direkte Aktion dazu bei, die rechtlichen Forderungen der Bewegung öffentlich mehrheitsfähig zu machen (S. 53–54).

Diese Erfolge dürfen jedoch nicht ausschließlich Martin Luther King Jr. zugeschrieben werden. Die Bürgerrechtsbewegung wurde von zahlreichen lokalen Aktivistinnen und Aktivisten sowie Organisationen wie der NAACP, CORE, SCLC und SNCC getragen. Hinzu kamen gerichtliche Entscheidungen, politische Entwicklungen und die mediale Berichterstattung. Die erreichten Veränderungen waren somit das Ergebnis eines breiten gesellschaftlichen Zusammenwirkens (vgl. Dietrich, 2008, S. 33-38).

Den rechtlichen und politischen Erfolgen standen deutliche Grenzen gegenüber. Die Abschaffung diskriminierender Gesetze führte nicht automatisch zu einer tatsächlichen sozialen und wirtschaftlichen Gleichstellung. King musste feststellen, „dass diese gesetzlichen Veränderungen die soziale und wirtschaftliche Lebensqualität der Schwarzen selten verbesserten“ (Dietrich, 2008, S. 7). Benachteiligungen in den Bereichen Bildung, Wohnen, Beschäftigung und Vermögensbildung bestanden weiterhin.

Die langfristigen Folgen dieser strukturellen Ungleichheit lassen sich bis in die Gegenwart beobachten. Aktuelle Daten zur Vermögenslücke zwischen Schwarzen und weißen Haushalten zeigen, dass Schwarze Haushalte trotz zwischenzeitlicher Vermögenszuwächse weiterhin erheblich weniger Vermögen besitzen als weiße Haushalte. Im Jahr 2022 entfielen auf jeweils 100 US-Dollar Vermögen eines durchschnittlichen weißen Haushalts lediglich 15 US-Dollar eines Schwarzen Haushalts. Als Ursachen nennen Perry et al. (2024) unter anderem frühere und gegenwärtige Diskriminierungen in den Bereichen Wohnen, Banken, Bildung und Vermögensbildung. Diese Zahlen verdeutlichen, dass rechtliche Gleichstellung allein historisch gewachsene wirtschaftliche Ungleichheiten nicht beseitigen konnte.

Auch Kings Proteststrategie war nicht unter allen Bedingungen gleichermaßen erfolgreich. Konkrete Forderungen, beispielsweise nach der Aufhebung einer örtlichen Segregationsregel, ließen sich eher durchsetzen als umfassende Veränderungen in den Bereichen Armut, Wohnen und wirtschaftliche Ungleichheit. Außerdem war die Wirkung der gewaltfreien direkten Aktion stark von einer sorgfältigen Planung, der Geschlossenheit der Beteiligten und einer breiten medialen Aufmerksamkeit abhängig. Kampagnen wie jene in Albany und Chicago erreichten deshalb nicht dieselbe Wirkung wie die Proteste in Birmingham und Selma (vgl. Dietrich, 2008, S. 36).

Insgesamt erreichte die Bürgerrechtsbewegung grundlegende rechtliche und politische Veränderungen. Sie trug wesentlich zur Abschaffung des Jim-Crow-Systems und zur Sicherung des Wahlrechts bei. Gleichzeitig blieben struktureller Rassismus sowie soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten bestehen. Kings umfassendere Vision einer gerechten und vollständig integrierten Beloved Community wurde daher nur teilweise verwirklicht. Gerade diese fortbestehende Differenz zwischen rechtlicher Gleichstellung und gesellschaftlicher Wirklichkeit bildet einen entscheidenden Anknüpfungspunkt für die spätere Entstehung der Black-Lives-Matter-Bewegung.
 
4. Black-Lives-Matter-Bewegung

Nachdem die Ziele, Strategien sowie Erfolge und Grenzen der Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King Jr. dargestellt wurden, richtet sich der Blick nun auf die Black-Lives-Matter-Bewegung. Zunächst werden ihre Entstehung und der historische Kontext erläutert. Anschließend stehen ihre zentralen Ziele und Aktionsformen im Mittelpunkt. Abschließend werden mit der dezentralen Organisationsstruktur, der intersektionalen Ausrichtung und der Bedeutung sozialer Medien wesentliche Besonderheiten der Bewegung betrachtet. Dadurch werden die Voraussetzungen für den anschließenden Vergleich beider Bewegungen geschaffen.
 
4.1. Entstehung und historischer Kontext


Die Entstehung der Black-Lives-Matter-Bewegung ist vor dem Hintergrund fortbestehender rassistischer Ungleichheit und wiederholter Fälle tödlicher Gewalt gegen Schwarze Menschen in den Vereinigten Staaten zu betrachten. Obwohl die Bürgerrechtsbewegung wesentliche rechtliche Veränderungen erreicht hatte, blieben Schwarze Menschen unter anderem von Racial Profiling, institutioneller Benachteiligung und rassistischer Polizeigewalt betroffen.

Den unmittelbaren Ausgangspunkt bildete die Tötung des 17-jährigen Trayvon Martin. Martin wurde am 26. Februar 2012 in Sanford im US-Bundesstaat Florida von George Zimmerman, einem Mitglied einer freiwilligen Nachbarschaftswache, verfolgt und erschossen. Er war unbewaffnet (vgl. Clayton, 2018, S. 453). Nachdem Zimmerman im Juli 2013 freigesprochen worden war, veröffentlichte die Aktivistin Alicia Garza einen Facebook-Beitrag, den sie mit den Worten „Black people. I love you. I love us. Our lives matter“ beendete (Day, 2015, zitiert nach Clayton, 2018, S. 453).

Patrisse Cullors griff diese Formulierung auf und verbreitete sie unter dem Hashtag #BlackLivesMatter. Gemeinsam mit Opal Tometi entwickelten Garza und Cullors daraus ein politisches Bewegungsprojekt. In ihrer offiziellen Darstellung zur Entstehung von Black-Lives-Matter⁠ bezeichnet die Bewegung Garza, Cullors und Tometi als ihre drei Gründerinnen (Black Lives Matter, 2017).

Eine größere nationale Bedeutung erhielt BLM nach der Tötung Michael Browns im August 2014 in Ferguson im US-Bundesstaat Missouri. Brown, ein 18-jähriger Schwarzer, wurde von dem weißen Polizisten Darren Wilson erschossen (vgl. Kopp, 2022). Die anschließenden Proteste richteten sich nicht nur gegen diesen konkreten Fall, sondern auch gegen rassistische Strukturen innerhalb der Polizei und des Justizsystems. Das Hashtags entwickelte sich dadurch von einer digitalen Botschaft zu einem überregionalen Mobilisierungsinstrument.

Eine weitere Phase internationaler Aufmerksamkeit begann nach der Tötung George Floyds am 25. Mai 2020 in Minneapolis. Ein Video zeigte, wie der Polizist Derek Chauvin über mehrere Minuten auf Floyds Hals kniete. Die Aufnahmen verbreiteten sich über Soziale Medien und lösten Proteste in den Vereinigten Staaten und zahlreichen weiteren Ländern aus. BLM entwickelte sich dadurch zu einem globalen Bezugspunkt für Proteste gegen rassistische Gewalt und strukturellen Rassismus (vgl. Kopp, 2022).

Die Entstehung von BLM lässt sich somit als mehrstufige Entwicklung verstehen. Aus einer Reaktion auf den Freispruch George Zimmermans entstand zunächst ein Hashtag, der nach den Ereignissen in Ferguson zu einem überregionalen Mobilisierungsruf wurde. Die Proteste nach der Tötung George Floyds verliehen der Bewegung schließlich eine weltweite Reichweite (vgl. Kopp, 2022). Diese Verbindung aus konkreten Fällen rassistischer Gewalt, digitaler Kommunikation und öffentlichem Protest prägte die weitere Entwicklung der Bewegung.
 
4.2. Zentrale Ziele

Das grundlegende Anliegen von BLM besteht in der Anerkennung und dem Schutz Schwarzen Lebens. Der Slogan „Black Lives Matter“ richtet sich gegen gesellschaftliche Verhältnisse, in denen Schwarze Menschen durch Rassismus, Gewalt und institutionelle Benachteiligung gefährdet oder abgewertet werden. Clayton (2018) ordnet die Bewegung deshalb in den fortdauernden Kampf gegen Rassismus und systemische Unterdrückung ein (S. 449).

Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf der Bekämpfung rassistischer Polizeigewalt. Die Bewegung macht auf Fälle aufmerksam, in denen Schwarze Menschen bei Polizeieinsätzen getötet oder unverhältnismäßiger Gewalt ausgesetzt werden. Dabei richtet sich die Kritik nicht ausschließlich gegen das Verhalten einzelner Polizistinnen und Polizisten. BLM thematisiert auch institutionelle Strukturen und Praktiken, durch die Schwarze Menschen häufiger kontrolliert, verdächtigt oder gewaltsam behandelt werden. Zu diesen gehören beispielsweise Racial Profiling und die ungleiche Behandlung im Polizei- und Strafrechtssystem (vgl. Clayton, 2018, S. 448–449).

Die Ziele der Bewegung gehen jedoch über die Verhinderung einzelner Fälle von Polizeigewalt hinaus. BLM kritisiert strukturellen Rassismus, der sich unter anderem in den Bereichen Bildung, Wohnen, Gesundheitsversorgung, Arbeitsmarkt und Strafjustiz zeigen kann. Rechtliche Gleichstellung bedeutet aus dieser Perspektive noch keine tatsächliche Gleichberechtigung. BLM fordert daher Veränderungen gesellschaftlicher und institutioneller Bedingungen, die rassistische Benachteiligung fortbestehen lassen (vgl. Kopp, 2022).

Innerhalb der breiteren Bewegung werden unterschiedliche politische Forderungen vertreten. Dazu zählen Reformen der Polizei und eine stärkere gesellschaftliche Kontrolle staatlicher Gewalt. Einige Teile der Bewegung fordern außerdem, staatliche Mittel aus Polizei und Strafvollzug in Bildung, Gesundheitsversorgung und soziale Angebote umzuleiten. Andere vertreten weitergehende abolitionistische Positionen und streben eine grundlegende Veränderung des Polizei- und Gefängnissystems an (vgl. Movement for Black Lives, o. D.). Aufgrund der dezentralen Struktur von BLM können diese Forderungen jedoch nicht der gesamten Bewegung einheitlich zugeschrieben werden.

Einen weiterführenden Einblick in diese politischen Forderungen bietet die Plattform Vision for Black Lives⁠. Dieses Netzwerk umfasst zahlreiche Organisationen und formuliert unter anderem Forderungen nach einem Ende staatlicher Gewalt, wirtschaftlicher Gerechtigkeit, politischer Selbstbestimmung, Reparationen und der stärkeren Kontrolle politischer Institutionen durch betroffene Gemeinschaften (Movement for Black Lives, o. D.). Das Movement for Black Lives ist allerdings nicht mit der gesamten BLM-Bewegung gleichzusetzen. Seine Plattform veranschaulicht vielmehr die Bandbreite politischer Forderungen innerhalb des breiteren Schwarzen Aktivismus.
 
4.3. Strategien und Aktionsformen

BLM verbindet traditionelle Protestformen mit den Möglichkeiten digitaler Kommunikation. Clayton (2018) beschreibt BLM als eine Bewegung, deren Wirkung sowohl auf der Besetzung des öffentlichen Raums als auch auf der Nutzung Sozialer Medien beruht (S. 449). Digitale Kommunikation und Straßenproteste sind dabei eng miteinander verbunden. Soziale Medien dienen dazu, Informationen zu verbreiten, Proteste zu organisieren und öffentliche Aufmerksamkeit für rassistische Gewalt zu erzeugen.

Zu den wichtigsten Aktionsformen gehören Demonstrationen, Kundgebungen, Märsche und weitere Protestaktionen im öffentlichen Raum. Durch diese Aktionen sollen Fälle rassistischer Gewalt sichtbar gemacht, der gesellschaftliche Alltag unterbrochen und politische Reaktionen angestoßen werden. Große Teile der Bewegung greifen dabei auf gewaltfreie direkte Aktionen zurück. Gewaltfreiheit bildet jedoch keine einheitlich festgelegte moralische oder religiöse Grundlage der gesamten Bewegung. Aufgrund ihrer Struktur besitzt BLM keine für alle Beteiligten verbindliche Protestphilosophie (vgl. Clayton, 2018, S.448-449).

Digitale Plattformen ermöglichen die Verbreitung von Videoaufnahmen und Augenzeugenberichten, ohne dass die Bewegung ausschließlich auf traditionelle Medien angewiesen ist. Polizeiliche Handlungen können direkt dokumentiert und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. BLM kann dadurch die öffentliche Darstellung rassistischer Gewalt teilweise selbst beeinflussen (vgl. Kopp, 2022).

Neben neuen digitalen Mitteln greift BLM auch historische Aktionsformen der Bürgerrechtsbewegung auf. Ein Beispiel ist der Black-Lives-Matter Freedom Ride nach Ferguson im Jahr 2014. In Anlehnung an die Freedom Rides der 1960er-Jahre reisten Aktivistinnen, Aktivisten und Medienschaffende nach Ferguson, um die dortigen Proteste zu unterstützen und sich überregional zu vernetzen (vgl. Kopp, 2022). BLM übernahm damit bewusst eine historische Protestform, organisierte und verbreitete sie jedoch mithilfe digitaler Kommunikationsmittel.

Die Umsetzung der Strategien wird zudem von der dezentralen Struktur der Bewegung geprägt. Lokale Gruppen können eigene Proteste organisieren und auf konkrete Probleme in ihrer jeweiligen Umgebung reagieren. Digitale Netzwerke erleichtern diese Mobilisierung von unten, weil Aktionen nicht zuerst von einer zentralen nationalen Führung beschlossen werden müssen. Dadurch kann die Bewegung schnell auf neue Ereignisse reagieren. Gleichzeitig erschwert die offene Struktur eine einheitliche Abstimmung von Forderungen und Aktionsformen.

Insgesamt verbindet BLM öffentliche Proteste, direkte Aktionen, digitale Öffentlichkeitsarbeit und dezentrale Mobilisierung. Die Bewegung übernimmt damit einerseits Protestformen der Bürgerrechtsbewegung, entwickelt deren Strategie der medialen Sichtbarkeit unter den Bedingungen digitaler Kommunikation jedoch weiter. Die dezentrale Struktur und der Einsatz Sozialer Medien gehören deshalb zu den wichtigsten Merkmalen des gegenwärtigen BLM-Aktivismus.
 
4.4. Besonderheiten der Bewegung

Besonders bezeichnend ist, dass lokale Gruppen ihre Aktionen an konkrete Probleme vor Ort anpassen und kurzfristig Proteste organisieren können. Zugleich wird politische Verantwortung auf viele Beteiligte verteilt. So soll verhindert werden, dass die Bewegung von einer einzelnen Führungsperson abhängig ist. Unterstützt wird diese Organisationsweise durch Soziale Medien, über die sich Aktivistinnen und Aktivisten auch ohne zentrale Leitung miteinander vernetzen können (vgl. Clayton, 2018, S. 456).

Die offene Struktur bringt jedoch auch Herausforderungen mit sich. Weil unterschiedliche Gruppen unter dem Slogan „Black Lives Matter“ auftreten können, lassen sich der gesamten Bewegung nicht immer einheitliche Ansprüche zuschreiben. Zudem ist es schwieriger, gemeinsame politische Ziele festzulegen, Verhandlungen mit politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern zu führen und Erfolge eindeutig zu bewerten. Die Dezentralität stellt somit zugleich eine Stärke und eine mögliche Grenze der Bewegung dar (vgl. Clayton, 2018, S. 459-460).

Eine weitere Besonderheit ist die intersektionale Ausrichtung. BLM betrachtet Rassismus nicht isoliert, sondern berücksichtigt, dass Schwarze Menschen aufgrund weiterer Merkmale unterschiedliche Erfahrungen mit Diskriminierung machen können. Dazu zählen beispielsweise Geschlecht, sexuelle Orientierung, geschlechtliche Identität, soziale Herkunft oder eine Behinderung. Die Bewegung bezieht daher bewusst auch die Erfahrungen Schwarzer Frauen sowie queerer und transgeschlechtlicher Schwarzer Menschen ein. Clayton (2018) hebt hervor, dass die dezentrale Führung von BLM insbesondere Frauen sowie queeren und transgeschlechtlichen Personen Raum zur politischen Beteiligung eröffnet (S. 474).

Diese Ausrichtung hängt auch mit der Entstehungsgeschichte der Bewegung zusammen. Black Lives Matter wurde von Alicia Garza, Patrisse Cullors und Opal Tometi gegründet. Die zentrale Rolle dreier Schwarzer Frauen unterscheidet sich von der öffentlichen Wahrnehmung der historischen Bürgerrechtsbewegung, die häufig auf männliche Führungspersönlichkeiten und kirchliche Organisationen reduziert wird. BLM kritisiert damit zugleich, dass die Beiträge von Frauen und queeren Personen in früheren Bewegungen oftmals weniger sichtbar waren (vgl. Black Lives Matter, 2017).

Auch die Verbindung von lokaler Selbstorganisation und globaler Verbreitung kennzeichnet die Bewegung. Der gemeinsame Slogan schafft einen übergreifenden Bezugspunkt, obwohl die einzelnen Gruppen nicht zentral gesteuert werden. Auf diese Weise konnten Proteste, die in den Vereinigten Staaten entstanden, auch in zahlreichen anderen Ländern aufgegriffen und an die dortigen gesellschaftlichen Bedingungen angepasst werden. Kopp (2022) beschreibt BLM entsprechend als eine Bewegung, die sich von einem Hashtag zu einer international wahrgenommenen antirassistischen Protestbewegung entwickelte.
 
5. Vergleich: Inwiefern knüpft Black-Lives-Matter an die Bürgerrechtsbewegung an?

Nachdem die Ziele, Strategien und Merkmale beider Bewegungen dargestellt wurden, werden sie nun miteinander verglichen. Dabei wird untersucht, welche Ziele und Aktionsformen BLM von der Bürgerrechtsbewegung aufgreift und in welchen Bereichen die Bewegung diese unter veränderten gesellschaftlichen und medialen Bedingungen weiterentwickelt. Abschließend wird kritisch eingeordnet, inwiefern BLM als Erbe der Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King Jr. bezeichnet werden kann.

Die Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King Jr. und BLM verbindet der grundlegende Kampf gegen Rassismus sowie die Würde und Gleichberechtigung Schwarzer Menschen. Beide Bewegungen reagieren auf die Diskrepanz zwischen demokratischem Gleichheitsanspruch und gesellschaftlicher Wirklichkeit. Während sich die Bürgerrechtsbewegung insbesondere gegen die gesetzliche Segregation und die Einschränkung des Wahlrechts richtete, kämpft BLM unter den Bedingungen formaler rechtlicher Gleichstellung vor allem gegen rassistische Polizeigewalt und strukturelle Benachteiligungen im Strafrechtssystem sowie in weiteren gesellschaftlichen Bereichen. BLM übernimmt damit das Gleichheitsziel der Bürgerrechtsbewegung, überträgt es jedoch auf gegenwärtige Erscheinungsformen institutionellen Rassismus (vgl. Clayton, 2018, S. 449).

Auch bei den Strategien bestehen deutliche Kontinuitäten. Beide Bewegungen nutzen Demonstrationen, Märsche, Boykotte und weitere Formen direkter Aktion, um Ungerechtigkeit sichtbar zu machen und politischen Druck aufzubauen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die mediale Öffentlichkeit. Während die Bürgerrechtsbewegung vor allem auf Presse und Fernsehen angewiesen war, nutzt BLM Soziale Medien zur Dokumentation rassistischer Gewalt, zur Mobilisierung und zur internationalen Verbreitung ihrer Anliegen. BLM knüpft somit an die Strategie öffentlicher Sichtbarkeit an, entwickelt diese jedoch unter den Bedingungen digitaler Kommunikation weiter (vgl. Dietrich, 2008, S. 53-54; Clayton, 2018, S. 448-449).

Unterschiede zeigen sich vor allem bei Organisation, Gewaltverständnis und gesellschaftlicher Ausrichtung. Die historische Bürgerrechtsbewegung wurde öffentlich stark mit King und kirchlichen Organisationen verbunden. BLM ist dagegen dezentral organisiert und besitzt keine einzelne Führungspersönlichkeit (vgl. Dietrich, 2008, S. 33-38; Clayton, 2018, S. 459-460). Zudem berücksichtigt die Bewegung durch ihre intersektionale Ausrichtung ausdrücklich die Erfahrungen Schwarzer Frauen sowie queerer, transgeschlechtlicher und anderer mehrfach marginalisierter Menschen (vgl. Clayton, 2018, S. 474). Auch Kings religiös und moralisch begründete Philosophie der Gewaltfreiheit bildet keine einheitlich verbindliche Grundlage der gesamten BLM-Bewegung (vgl. Dietrich, 2008, S.46; Clayton, 2018, S. 460). BLM ist daher nicht als bloße Wiederholung, sondern als eigenständige Weiterentwicklung des historischen Schwarzen Freiheitskampfes einzuordnen.
 
6. Kritische Einordnung und Fazit

Die Forschungsfrage lässt sich dahingehend beantworten, dass die Black-Lives-Matter-Bewegung sowohl an zentrale Ziele als auch an wesentliche Strategien der Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King Jr. anknüpft. Die Bewegung führt den Kampf gegen Rassismus und für die tatsächliche Gleichberechtigung Schwarzer Menschen fort und nutzt ebenfalls direkte Aktionen sowie öffentliche Aufmerksamkeit, um politischen Druck zu erzeugen. Zugleich passt BLM diesen Kampf durch digitale Mobilisierung, eine dezentrale Organisation und eine intersektionale Ausrichtung an veränderte gesellschaftliche Bedingungen an. BLM kann deshalb grundsätzlich als Erbe der Bürgerrechtsbewegung bezeichnet werden, sollte jedoch genauer als eigenständige Weiterentwicklung des historischen Schwarzen Freiheitskampfes verstanden werden.

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